Sozial verträglich abgetragen
Wohnhausaufstockung von Baukombinat in Zürich
Nördlich der Feldstraße im Zürcher Stadtkreis Aussersihl entstanden im 19. Jahrhundert Stichstraßen mit Punktbauten, die sich von der sonst vorherrschenden Blockrandstruktur abhoben. Darunter auch der symmetrische Zeilenbau in der Gamperstraße, den der gleichnamige Händler 1894 errichten ließ. Durch den Ausbau der Bahntrasse vom Hauptbahnhof zur Hardbrücke wurde ein Großteil dieser Gebäude noch vor den 1970er Jahren abgerissen – bei einer nun geplanten Verlängerung der Lagerstraße ist auch der Abbruch des Mittelteils des Ensembles vorgesehen. Den voraussichtlich letzten an der Gleiskante verbleibenden Gebäudeteil, ein viergeschossiges Wohnhaus, stockten Baukombinat (Zürich) nun um zwei Wohnungen auf. Die Brutto-Gebäudekosten nach BKP 2 lagen bei 1,4 Millionen Schweizer Franken, circa 1,5 Millionen Euro.
Die Nachverdichtung führte das Team um Moritz Köhler und Leonce Gruber als Holzständerwerk und teilweise als Massivholzbau mit Massivholzdecken aus. Der sich verändernden städtebaulichen Situation begegneten sie selbstbewusst mit allseitig auffälligen Fassaden aus recyceltem Baustahl. Die Gliederung des aufgestockten Volumens durch die bündig gesetzten Metallplatten und zurückspringenden Fenster leitet sich lose von der ornamentierten Straßenfassade des gründerzeitlichen Bestands ab. Gleichzeitig bricht sie gezielt mit deren Symmetrie.
Entstanden sind zwei Maisonettewohnungen mit je fünf Zimmern auf insgesamt 280 Quadratmetern Bruttogrundfläche. Küche, Essen und Wohnen sowie Schlafzimmer wurden in beiden Einheiten um einen nutzungsoffenen Raum ergänzt, dessen Doppelflügeltür sich zum Wohnraum öffnet. Vertikal und diagonal tun sich Raumbezüge auf, jede Etage bietet zudem nutzbare Außenflächen – wobei die Erschließung der dritten Ebene recht steile Treppenführungen erforderte. Die Gestaltung der teils raumhohen Türen, der Bäder und Küchen übernahmen ebenfalls die Architekten. Hier standen Dauerhaftigkeit und Reparierbarkeit im Fokus.
Im Bewusstsein um Verdrängungsprozesse, die oftmals mit Sanierungen und Nachverdichtungen einhergehen, sollten sich die Bauarbeiten möglichst nicht auf den Mietbetrieb des Bestandes auswirken. Mit dem im Hofgebäude ansässigen Spengler- und Dachdeckerbetrieb wurde zunächst ein behelfsmäßiges Flachdach mit Abflüssen zu den bestehenden Fallrohren eingezogen. Erst dann entfernte man das alte Dach. Sechs Punktfundamente übertragen die Kräfte analog zum ehemaligen Dachstuhl auf die Mauern des Bestands. So konnte auf Eingriffe in diesen verzichtet werden. Die Mieterschaft blieb während der Bauzeit des Projektes in ihren Wohnungen und behielt ihre Mietverträge. (kms)
Fotos: Gerry Amstutz
- Architektur:
- Baukombinat
- Holzbauingenieur:
- Timbatec Holzbauingenieure Schweiz AG, Zürich
- Bauingenieur (Bestand):
- Schärli + Oettli AG, Zürich
- Bauphysiker:
- Heidt Bauphysik + Akustik GmbH, Zollikerberg
- Bauherrschaft:
- privat
- Fläche:
- 280 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 1.507.000 €
Zu Zeiten, in denen es fehlt an Raum, wo aber auch jeder einzelne Baum Bedeutung beim Schutz des Klimas hat, ist die Verdichtung bestehender Stadt ohne Zweifel der Königsweg! Doch nicht jeder Bau aus vergangener Zeit bringt die proportionale Gleichgültigkeit gegenüber einseitiger Ausdehnung mit, so dass der entscheidende Königsweg-Schritt wird zum gestalterisch schmalen Steg. Die Dachkante als Zäsur zu verstehen und das Alte vom Neuen getrennt zu sehen, kann wandeln auf solch schmalem Grat, wenn´s dabei den hohen Anspruch hat, das Eine durch das And´re zu stärken. Sich dabei im Umfeld nicht einzufügen, kann städtebaulich dennoch genügen, wenn nur geht mit gutem Beispiel voran, was künftig spornt drumherum andere an, zu wachsen mit eigenen Aufbau-Werken!? Ob dies hier in Gänze gelungen ist, mag diskutabel sein, bis zum Zwist, doch ist das Schaffen von Raum im Bestand auch Gestaltungsdiskussionsgegenstand: Dachausbau allein führt auch nicht zum Sieg!
Mein zweites Anliegen: Was für ne hässliche Küche, Bild 14 und schon Bild 3. Diese schwarzen Griffe, und dann sichtbare Scharniere. Reißt die Ästhetik ziemlich runter. Der Ausblick von der Terrasse auf das schöne Schweizer Bahnstreckennetz ist Geschmackssache. Und obwohl ich persönlich recycelten Baustahl sehr gerne habe, bieten sie keine Aufenthaltsqualität im begehbaren Außenbereich. Über Kosten und Verdrängungsprozesse lässt sich auch noch diskutieren. Aber dennoch: definitiv ein weiterer Beitrag für den Diskurs über Dachausbau und für die Bibliothek der Lebensraumerweiterungen a u f gebautem Raum.