Hang zum See
Wohnhaus von yh2 in der Provinz Québec
Durch den Lac Memphrémagog verläuft die Grenze zwischen Kanada und den USA so ungerührt gerade, wie es sich viele Europäer*innen kaum vorstellen können. Drei Viertel des Sees liegen in der kanadischen Provinz Québec, ein Viertel im US-Bundesstaat Vermont. Nur etwa hundert Meter nördlich dieser unsichtbaren Trennlinie haben yh2 aus Montréal ein Haus gebaut, das sich der spektakulären Lage am Wasser verschreibt und zugleich ein ziemlich umfangreiches Wohnprogramm in die Abgeschiedenheit des Waldes setzt.
Das Grundstück in der Region Potton liegt weit entfernt von jeder Siedlung, locker verteilt zwischen wenigen anderen Häusern. Zum See fällt das Gelände steil ab. Das Counter-Slope House macht diese Topografie zum Ausgangspunkt: Drei Geschosse schieben sich in den Hang und arbeiten räumlich mit dem Gefälle, statt es zu nivellieren.
Die Erschließung kehrt die gewohnte Logik eines Hauses um. Man betritt das 420 Quadratmeter große Gebäude nicht unten, sondern auf der obersten Ebene. Diese fungiert zugleich als Terrasse, Aussichtspunkt und Empfang. Neben einem kleinen Eingangsbereich und der Treppe nach unten liegen hier drei Schlafzimmer. Wer mag, kann bei diesem Konzept an eine berühmte, historische Referenz denken – im Haus Tugendhat organisierte Ludwig Mies van der Rohe den Wohnraum in ähnlicher Weise.
Das eigentliche Leben findet – wie in Brno – eine Etage tiefer statt. Dort versammeln sich Wohnbereich, Küche und Essplatz, ergänzt um eine weitere Terrasse sowie das Hauptschlafzimmer mit eigenem Bad und frei stehender Wanne. Der Blick auf den See ist dabei Gestaltungsmittel – ein Klassiker des gehobenen Wohnens am Wasser. Das unterste Geschoss verschwindet vollständig im Gelände und nimmt Technik, Nebenräume, Fitnessstudio und privates Kino auf.
Innen setzen yh2 auf eine ruhige, hochwertige Materialpalette. Offen belassene Holzdecken treffen auf Einbauten und Oberflächen aus Weißeiche. Nach außen zeigt sich der Bau robuster. Ein Sockel aus Ortbeton mit sichtbarer horizontaler Schalung verankert das Haus im Hang. Darüber liegt eine Fassade aus Zedernholz, getoppt von zwei gegeneinander geneigten Pultdächern, eines in hellem Holz, eines in Schwarz, die sich zu einem Schmetterlingsdach zusammenschieben. Die dunkle Farbgebung prägt auch so manch andere Details – von Fensterrahmen über Treppenläufe bis zum obligatorischen Kamin – und verbinden so die äußere Erscheinung mit den Innenräumen. (gk)
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- yh2
- Team Architektur:
- Marie-Claude Hamelin, Loukas Yiacouvakis, Karl Choquette, Lisa Busmey
- Fläche:
- 420 m²
Apropos Mies: Der ausgewiesene Mies-Kenner Dietrich Neumann sagte in unserer BauNetz WOCHE „Mies mit Fragezeichen“, es habe ihn immer gestört, dass man im Haus Tugendhat oben beim Schlafbereich hineinkommt und dann ins große Wohnzimmer hinuntergeht. In der Ausgabe erzählt der Architekturhistoriker aber auch, dass er ein anderes, lange unbekanntes Haus des berühmten Architekten entdeckte, das eine Art modifizierte und in mancher Hinsicht bessere Version der Villa Tugendhat sei.








