Immer weiter in Bad Aibling
Wohnhaus von Florian Nagler Architekten
Wieder ein Holzbau, wieder in Bad Aibling und wieder sind es Florian Nagler Architekten (München), die mit ihrem bemerkenswert pragmatischen Ansatz beweisen, dass es geht. Wenige hundert Meter neben den drei viel diskutierten Forschungshäusern, die seit 2020 als Inbegriff „Einfachen Bauens“ gelten, entstand kürzlich ein Riegel mit 23 Wohnungen (darunter ein Gästeapartment) und einem Gemeinschaftsraum im Auftrag der Münchner Genossenschaft Wogeno.
Bereits seit einigen Jahren entwickelt sich auf dem ehemaligen Kasernengelände im oberbayerischen Bad Aibling ein Quartier, in dem Low-Tech-Projekte umgesetzt werden. Eigentümer des Areals ist das ortsansässige Wohnungsunternehmen B&O Gruppe. Als wesentliche Parameter des Low-Tech-Ansatzes (den wir auch in der viel beachteten Baunetzwoche#584 vor genau zwei Jahren diskutiert haben) definieren Florian Nagler Architekten unter anderem simple Gebäude- und Raumgeometrien, die Reduktion der Haustechnik auf das Wesentliche und den Einsatz von ausreichend Speichermasse. Bis die rechtlichen Grundlagen existieren, braucht es wohl weiterhin mutige Bauherrschaften wie die Wogeno oder Forschungsprojekte, um zu zeigen, wie trotz reduzierter Gebäudetechnik nutzungsfähige Gebäude aussehen können.
Im Fall des genossenschaftlichen Wohnprojekts dient die Tragstruktur aus einem länglichen, massiven Erschließungskern aus Stahlbeton als thermische Speichermasse. Auch die Wandkonstruktion aus kreuzverleimten Massivholztafeln zählt als Speichermasse – so wie auch beim benachbarten Forschungshaus aus Holz. Beim aktuellen Projekt konnte die Wandstärke auf 26 Zentimeter reduziert werden (statt 39 Zentimeter beim Forschungshaus), wodurch Wohnfläche gewonnen wurde. Der Wandaufbau ist monolithisch, eingeschlossene Luftkammern sorgen für die nötige Dämmwirkung, eine zusätzliche Schicht entfällt.
Zum Einsatz kam Holz aus der Region. Durch den hohen Grad der Vorfertigung konnte das Haus in nur rund sechs Monaten Bauzeit fertiggestellt werden. Die Tragwerksplanung übernahm das Büro merz kley partner (Dornbirn), den Holzbau das Unternehmen H.R.W. Vollholzwandsystem Obb. (Peiting). Die Konstruktion gibt auch die klare Strukturierung innerhalb des Gebäudes vor, das auf einem 3,1 Meter messenden Raster basiert. Von einem zentralen Eingang aus werden beidseitig zwei Treppenhäuser erschlossen. Jeweils bis zu acht Wohnungen mit unterschiedlichen Grundrissen verteilen sich auf die drei Geschosse. Die kostspielige und ressourcenintensive Unterkellerung entfiel aufgrund des hohen Grundwasserspiegels, Staufläche bietet das barrierefrei erreichbare Dachgeschoss. Im Erdgeschoss lässt sich der Eingang mit einem Gemeischaftsraum zu einer größeren Fläche zusammenschalten. Die Wogeno plant, den rund 3.000 Quadratmeter großen Garten gemeinschaftlich zu gestalten.
Die tiefen Laibungen der Fenster sowie die Holzlattung in konstrastierenden Tönen bestimmen das Fassadenbild. Auch innen zeigt sich die konsequente Verwendung von Holz. Im Gegensatz zum benachbarten Forschungshaus sind hier auch die Decken aus Brettsperrholz gefertigt. Neben den Sanitärinstallationen ist die Gebäudetechnik auf statische Heizflächen und Beleuchtung reduziert und mit Aufputzleitungen umgesetzt. Die Architekt*innen geben die Kosten der Gruppe 300 und 400 in Höhe von 1.625 Euro pro Quadratmeter Bruttogrundfläche an. Insgesamt umfasst das Haus 2.364 Quadratmeter BGF. (sab)
Fotos: Schels, Lanz, Pk. Odessa
Das genossenschafliche Wohnhaus von Florian Nagler Architekten in Bad Aibling ist – wie das Münchner Projekt Dante II im Auftrag der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewofag – für den DAM Preis 2024 nominiert. Das aufsehenerregende Vorhaben eines Wohnungsbaus mit Mietkosten von nur 9,99 Euro pro Quadratmeter im Auftrag des inzwischen insolventen Investors Euroboden im Münchner Kreativquartier ist indessen gescheitert.
Thematisch und physisch vor Ort widmen sich am Dienstag, 26. September 2023 die dritten Bad Aiblinger Baukulturtage dem einfachen Bauen auf dem B&O Parkgelände. Die Veranstaltung ist leider restlos ausgebucht.
@#4 ... wahrscheinlich richtig erkannt, aber gerade die Schallschutznormen in D führen oft zu übertriebenen und damit teuren Konstruktionen.
Die Eingangs'halle' ist mehr ein über 30 Meter langer Flur, der nur an einem Ende einen Aufzug bietet, womit nur ein Gebäudeteil wirklich barrierefrei wird. Bei drei Geschossen + Abstellräumen im Dachboden darf's selbst bei kostensensibler Planung aber schon mehr sein, schließlich kann man sich auch mal das Bein brechen oder auf andere Art gebrechlich werden... Überhaupt der EG-Flur: Eine grauenhafte Verschwendung - zum einen weil dunkel und langgezogen, zum anderen weil das auch durchaus intelligenter und sparsamer geplant werden kann. (Die Kollegen von Hild + K sind da bspw. regelmäßig besser...) Auch in den oberen Geschossen erscheinen die beiden Flure nicht gerade optimiert, was den Flächenverbrauch angeht (aber das Problem ging ja schon im EG und davor in den Grundideen zum Entwurf los). Dann die vorgesetzte Ebene mit den Balkonen und sehr, sehr viel Luft. Warum? Alles für die sachlichere Erscheinung? Wäre es so schlimm gewesen, würden die Balkone hervorragen? Man hätte auch hier einiges einsparen lassen, und wenn man es gut macht, muss die Ästhetik nicht darunter leiden. Dann noch eine Frage zum Detail in Bild Nr. 19: Lassen aktuelle Anforderungen zur Energieeinsparung aber auch zur Bauphysik es tatsächlich zu, den Fensterrahmen innen nur auf die Holzwand aufzusetzen oder ist das nicht absehbar eine Wärmebrücke? So oder so: Ein durchaus interessantes Gebäude, das in manchen Bereichen wohl eher als Langzeitexperiment bezeichnet werden kann. PS: @#2: Balkone sind doch zahlreich vorhanden. ;)