Vorbild Gewerbehalle
Wohnhaus von FAR frohn+rojas in Berlin
Zwei Jahre lang hat der Berliner Architekt Marc Frohn, Mitinhaber des Büros FAR frohn&rojas, nach einem Grundstück gesucht, bis er die kriegsbedingte Baulücke im blockrandbebauten Berlin-Moabit für sein radikales Wohnhaus fand. Die Idee: Er wollte er mit Betonfertigteilen bauen, die sonst zur schnellen Errichtung von Gewerbehallen verwendet werden. Denn sein Interesse gilt einer Frage, die Architekten seit Jahrzehnten bewegt: Wie lässt sich das systemische Bauen mit einem großen Freiheitsgrad verbinden?
Der soeben fertiggestellte sechsgeschossige Wohnungsbau mit Büroflächen im Erdgeschoss ist zugleich eine Antwort auf die virulente Frage, wie die Rohbaukosten minimiert werden können. Die Nettobaukosten berechnet auf die Bruttogrundfläche geben die Architekten mit 1.500 Euro pro Quadratmeter an, das Planungshonorar ist darin allerdings nicht eingeschlossen. Lange vor Entwurfsbeginn haben sie die Fertigungsprozesse im Betonteilwerk studiert, haben gelernt, dass man sich unter anderem über die Abmessungen des Schalungstisches nähern muss, dass es rund 40.000 Euro kosten würde, den dort vorgegebenen Achsabstand anzupassen, dass es darauf ankommt, herauszufinden, wie man ohne Zusatzkosten Veränderungen an den Elementen vornehmen und zugleich das Grundstück optimal ausnutzen kann.
Die Fertigteile spannen nun 13 Meter über die gesamte Tiefe des Hauses. Oder anders: Frohn hat für das Haus sechs mal eine Gewerbehalle übereinander gestapelt. Das ermöglicht maximal flexible Grundrisse für Mietwohnungen und Wohnateliers zwischen 30 und 110 Quadratmetern. Durch die Unterzüge entsteht eine ganz eigene Ästhetik, die durch die Glashülle hindurch wie eine Art Oberlichtband wirkt. Im Sinne des systemischen Ansatzes ist auch die Fassade ein Standardelement, ebenso wie das Trapezblech für den Dachaufbau, der an ein Gewächshaus erinnert und der der oberen Wohnung als Austritt dient.
Ein Jahr lang haben Marc Frohn und Mario Rojas Toledo mit ihrem Büro geplant, ein Jahr lang gebaut. Der Rohbau war in sechs Wochen fertig. „So etwas kann man nicht nach den Leistungsphasen durcharbeiten“, sagt Frohn auf der Vorstellung des Projekts im Rahmen einer Arch+-Veranstaltung Mitte August. Und kommt damit an einen entscheidenden Punkt der Architekturdebatte. Einerseits brauchen wir dringend derartig experimentelle Projekte, bei denen die Architekten quer denken und sich über konventionelle Wege hinwegsetzen. Möglich ist das meist nur, wenn sie selbst als Bauherr auftreten und damit das finanzielle Risiko tragen. Wichtig ist andererseits aber auch, dass diese Pioniertaten in den großen Maßstab übertragen werden. Dafür braucht es mutige Auftraggeber, gerade in Zeiten des Baubooms. (fm)
Darüber hinaus kennen wir die Preise für die anderen WE nicht vielleicht ist es einfach eine Mischkalkulation. Und selbst wenn der Architekt und Entwickler für alle Einheiten die genannten Preise nimmt so what? Es ist ein kein Riesenprojekt, das wegen der neuen Mieter auf einmal SojaMatchaBoutiquen® aufpoppen werden. Die Zielgruppe, die mit der Gestaltung angesprochen wird, sollte es hinkriegen und Moabit wird es aushalten. Auch Architekten dürfen Geld verdienen.
Kennen Sie diese weissen Plastikstühle ? Die sind stapelbar, abwaschbar und allwettertauglich. Die gibt es auf der ganzen Welt und die sind auch unschlagbar billig .
Das große Thema ist bezahlbarer Wohnraum. Da stimme ich Ihnen voll zu. Der Weg dorthin ist komplex, das vorliegende Konzept kann evtl. EIN Baustein von vielen sein auf dem Weg dorthin. Aus meiner Sicht habe ich das Prinzip der - sich grundsätzlich unterscheidenden - Kosten für die Entwicklung eines Prototyps und die Kosten für eine serielle Herstellung dargestellt, oder? Stellen wir uns einfach anstatt eines Hauses die Kosten für die Herstellung eines Stuhls vor ... einzeln oder in Serie. Insofern komme ich nicht - so wie Sie - bereits jetzt schon zu dem Urteil, das Gebäude habe als Prototyp versagt.
das große thema ist bezahlbarer wohnraum, für den man keine steuerliche bedienungsanleitung braucht, um sich diesen leisten zu können. als prototyp dafür hat das gebäude ganz offensichtlich versagt.
Das Planungshonorar ist darin allerdings nicht eingeschlossen (Artikel Baunetz, 02.09.2019). Dies erklärt die grundsätzlich niedrigen Nettobaukosten von 1500 Euro (im Kommentar Nr. 46 differenzierter aufgeschlüsselt). Die Planungsphase wird als intensiv und lang beschrieben und wird - verständlich- bei Verkauf und Vermietung berücksichtigt bei der Erstellung eines Prototyps. Zumindest in Teilen. So meine Vermutung. Bei einem Bau in Serie sähe dies schlagartig anders aus. Die dann insgesamt (relativ) niedrigen Gesamtkosten könnten an Mieter und Käufer weiter gegeben werden und die Zielgruppe der Bewohner erweitern. Dies ist aus meiner Sicht wünschenswert. Genau dies ist auch eine wesentliche Zielsetzung der planenden Architekten / Bauherrn. Insofern eine interessante Option für Politik und den sozialen Wohnungsbau bzw. für vergleichbare Konzepte. Konzepte, welche zwingend gefördert und angekurbelt werden müssen, um Wohnen bezahlbar zu machen und um in Großstädten wie München oder Berlin eine soziale, lebendige und durchmischte Stadtkultur zu fördern bzw. zu erhalten. Ein weiterer Aspekt zum Thema Kosten: Die bei Immoscout angebotene Wohnung (im Prototyp!) ist als Teilgewerbe nutzbar. Durch steuerliche Entlastung können in diesem Fall Mietpreis, Wohnnebenkosten (sogar Energiekosten) je nach Nutzung individuell sinken - z.B. durch die steuerlich anerkannte Absetzung eines Arbeitszimmers. Je nach Bedarf lässt sich sogar die komplette Miete für eigenständige Büroräume an einem anderen Ort einsparen. Insbesondere Letzteres ist eine keineswegs selbstverständliche - und Kosten senkende - Option beim Anmieten einer Wohnung in diesem Projekt. Kostensenkung durch die Art der individuellen Nutzung. Das sind meine Gedanken. Aus einem anderen Berufsfeld kommend, interessiere ich mich seit Jahren für Fragen des bezahlbaren Wohnens, für Architektur und für die enorme Lebensqualität, die sich aus gelungener Architektur ergeben kann - wie auch umgekehrt. Wer darüber mehr lesen möchte, dem sei empfohlen: Alain de Botton Glück und Architektur. Von der Kunst, daheim zuhause zu sein.