Kunst trifft Baugruppe
Wohnhaus von Bundschuh Architekten in Berlin
Seit ungefähr einem Jahr befindet sich in Berlin genau auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte ein neues, für die Hauptstadt eher untypisches Wohnhaus. Das hellgraue, offene Neubauensemble gegenüber dem Kraftwerk Mitte hat der Berliner Architekt Roger Bundschuh für einen Kunstsammler und eine Baugruppe gebaut. Bereits sein bekanntestes Projekt, das Wohn- und Geschäftshaus L40 am Rosa-Luxemburg-Platz, war der Auftrag eines Kunstsammlers und sorgte mit seinem dunkelgrauen Erscheinungsbild an dem prominenten Ort für viel Diskussionen im Jahr 2010.
Der zurückgezogene Neubau mit seinem 1.100 Quadratmeter Geschossfläche basiert auf einer originellen baulichen Komposition, durch die die traditionelle Bauweise der Hauptstadt – die geschlossene Struktur des „Berliner Blocks“ – überwunden werden soll. Das Ensemble besteht aus zwei Baukörpern, einem zentralen Erschließungsturm, einem öffentlichen Vorplatz und einem privaten Garten. Der Turm beherbergt den Aufzug und die offen geführte Treppe und trennt den Vorplatz, der als eine Verlängerung des Bürgersteigs zwischen den beiden Baukörpern liegt, vom hinten liegenden Garten. Der Turm ist vom Vorplatz aus zugänglich und definiert als ein halböffentlicher, vertikaler Außenraum die beide Außenbereiche.
Der linke Baukörper beherbergt die privaten Räumlichkeiten des Kunstsammlers. Das Erdgeschoss verfügt über ein riesiges Fenster zum Vorplatz und lässt sich als Ausstellungsraum nutzen. Auf den weiteren Etagen folgen ein Arbeitszimmer, Wohn- und Essbereich und ein Schlafzimmer mit Zugang zur Dachterrasse. Galerien und Treppen zwischen den Ebenen erlauben spannende Blickbezüge.
Das rechte Volumen beherbergt sechs kompakte Eigentumswohnungen, die jeweils über einen innenliegenden Versorgungskern und einen Balkon verfügen. Die oberste Wohnung ist eine Maisonette mit Dachterrasse. Die raumhohen Fenster ermöglichen Einblicke in die Wohnungen und umgekehrt: Aus dem Inneren sind Blickbezüge in den Straßenraum, den Garten und sogar in die Nachbarwohnungen erlaubt. Gerade das soll laut Bundschuh Architekten ein „starkes Gefühl von Nähe, Nachbarschaft und Gemeinschaft erzeugen“. Die komplexe Baustruktur des Neubaus besteht aus privaten, halböffentlichen und gemeinschaftlichen Räumen und zitiert seinen besonderen städtischen und historischen Kontext. (mg)
Fotos: Laurian Ghinitoiu
Zur Info: Das Projekt wurde im September 2015 fertiggestellt, als die Frage nach Stadtraumverdichtung erst aufkam. Ich schätze, das Projekt als solches wurde ca. 3-4 Jahre davor geplant, als die Situation nicht so verschärft war wie heutzutage. Und bevor man auf eine Baugruppe draufhaut, die in einem zuggebenermaßen beeindruckenden Häuschen wohnt, sollten wir bitte nicht die politischen Akteure vergessen, die zu der verschäften Lage am Wohnungsmarkt beigetragen haben, als sie nicht vorgeplant, falsch geplant oder die Frage ignoriert hatten bis es brannte und ihnen die Argumente ausgingen, warum sie wertvolles Stadtbauland an Investoren verkauften, anstatt für die Bevölkerung zu bauen, und jetzt zum Teil teurer wieder einkaufen müssten, weil die Tausende von Kleingartenkolonien in Berlin unantastbar sind....
sie haben Recht: kleines Haus, große Wirkung... Aber unterm Strich: Es macht ja auch Spaß, sich ein bisschen zu streiten, kontrovers zu diskutieren und unterschiedliche Ansichten auszutauschen (Polemik inklusive). Danke dafür!
naja, einfache Sprache war Ihr erster Beitrag auch nicht gerade, und ich finde schon, dass das Basics sind (zumindest der Stadtraumaspekt). In diesem Sinne ist es halt bedrückend, dass die Polemik im Moment meist vorgeht, selbst im Fachdiskurs - und sich am Ende diejenigen gegenseitig ärgern, die zumindest (ungefähr) auf der selben Seite stehen müssten. Aber klar, das war auch Polemik, und so kommt es dann halt auch an... Egal, ein kleines Haus, viel geredet, das zumindest hat Bundschuh erreicht...
Was vielleicht alle gemein haben ist, dass der aufgebrochene Stadtraum mit seinen Sichtbeziehungen und den kleineren Volumenmaßstab optisch positiv bewertet wird. Jedoch scheiden sich die Geister an der politischen Dimension des Projektes, da jeder weiß, dass dies nicht die Lösung für eine innerstädtische Nachverdichtung sein kann, sonst würde sich die Anzahl an neuen Wohnungen nie merklich verändern. Man kann jetzt argumentieren, dass nicht überall maximal nachverdichtet werden muss und die Stadt auch diese Brüche braucht, damit selbst die andere Seite im Plattenbau nicht auf die nächste Platte schauen muss. Was mich persönlich jedoch sehr irritiert ist, dass das Treppenhaus irgendwie gar keine Idee hat. Also weder ein Gemeinschaftsplatz, eine Sonnenterrasse oder eine andere räumliche Funktion aufweist, die den Zwischenraum, der ja so aufwendig heraus geschnitten wurde, aktiviert und qualitativ aufwertet. Das ist aber eine Kritik an der Architektur, die hier merkwürdig banal ist.
- Was Punkt eins angeht, verstehe ich sie jetzt wirklich besser - auch wenn sie selbst das für selbsterklärend halten, mir war noch nicht klar, was sie genau meinen. - Was die anderen beiden Punkte angeht: Ich glaube wir sprechen einfach von zwei verschiedenen Dingen: Es geht mir nicht - wie von ihnen unterstellt - um eine Effizienzfrage, sondern darum, dass ich eine derartige Bebauung nicht innovativ finde. Und zwar unter den Vorzeichen der Notwendigkeit eines ressourcenschonenden Umgangs mit Grund und Boden (und Quadratmetern) und gleichzeitiger sozialräumlicher Seggregationsprozesse, die im Zusammenhang stehen mit individuellen und exklusiven Eigentumsrechten an Grund und Boden. Dass dieses Haus besser und ansprechender ist als der neohistorisch-grauenhafte Planwerk Innenstadt-Kitsch - ja, finde ich auch, geschenkt. Diese Häuser, da müssen sie sich wirklich keine Sorgen machen, die werden auch viel und heftig kritisiert. Aber es ging jetzt vor allem um dieses Haus und nicht um andere. - Weil sie von den Schwierigkeiten sprechen, die Architekt*innen immer bekommen, wenn sie Bauherr*innen gegenüber jeden Quadratzentimeter nach Effizienzkriterien rechtfertigen müssen: Hier ist selbst genutztes Eigentum entstanden, das gleichzeitig eine langfristige Wertanlage darstellen soll. Da investiert man dann natürlich etwas großzügiger (sofern man sich das leisten kann). Die Projekte der "Konservativen", wie sie sie nennen, sind ja i.d.R. Renditeobjekte zum schnellen Weiterverkauf gewesen, entwickelt von institutionellen Anlegern. Das Projekt ist unter diesem Gesichtspunkt vielleicht innovativ, aber darauf zielte meine Kritik nicht ab. - Warum sie bereits die Art der Rückfragen als bedrohlich empfinden, verstehe ich nicht. Ich denke, dieses Forum ist auch zum Austausch konzipiert. Ich hatte eben ein paar Fragen an sie, die sie dankenswerterweise beantwortet haben. "Fachplattform" heißt ja hoffentlich nicht, dass sie der Experte sind, der erklärt, wer Ahnung hat und wer nicht. Auch wenn sie hier mal eben so festlegen, was ein(e) progressive(r) Architekt*in auszeichnen muss. Etwas anmaßend, meinen sie nicht?