Pyramide im Hinterhof
Wohnhaus von Barkow Leibinger in Berlin
„Mehr Pyramide als Kubus“ schreiben Barkow Leibinger Architekten über ihr im Juli letzten Jahres fertiggestelltes Wohnhaus in einem Hinterhof im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Der Neubau irritiert in seiner Form auf den ersten Blick, doch die Baukörperdisposition ist selbstverständlich kein Manierismus. Das steil aufragende, gut zehn Meter hohe Dach ist Ergebnis zweier widersprüchlicher Planungsparameter, mit denen die Berliner Architekten umzugehen hatten. Die Denkmalpflege hätte gerne eine Wiederherstellung des zerstörten Hinterhauses in seiner ursprünglichen Kubatur gesehen, doch die heutigen Abstandsflächenregelungen machten dies unmöglich. Die naheliegende und doch ungewöhnliche Antwort auf diese Herausforderung war ein Haus mit einer Traufhöhe von nur 7,5 Metern und einem knapp 70 Grad geneigten Dach, das sich über drei Geschosse hinzieht und mit einer Dachterrasse abschließt. Dadurch konnten die geforderten Abstandsflächen zu den umliegenden Bauten eingehalten werden.
Den so entstandenen Baukörper behandelten Barkow Leibinger als in sich geschlossene Form. Bündig in der Wand sitzende Fenster und eine durchgehende Ziegelhaut vom Boden bis zur Dachterrasse machen dies mehr als deutlich. Konstruktiv handelt es sich um einen Stahlbetonbau mit Dämmung und Verblendmauerwerk. Den Ziegeln schenkten die Architekten und der private Bauherr dabei besondere Beachtung. Ein Fachbetrieb aus der Region fertigte 20.000 Ziegel in sechs Farbtönen, die als wilder Verband gesetzt und anschließend geschlämmt wurden. Für das schräg gemauerte Dach wurden Parallelformsteine und individuell geformte Ecksteine produziert. Die sichtbaren Herstellungs- und Lagerungsspuren der Ziegel sind gewollt und zielen auf eine angenehme und handwerkliche Taktilität, die mit der klaren Form des Hauses kontrastiert.
Die edle Ausführung der Fassade korrespondiert mit dem Raumprogramm, denn das Haus umfasst nur zwei Wohneinheiten, die je als Maisonette mit 250 beziehungsweise 200 Quadratmetern Wohnfläche organisiert sind. Die Wohnungen sind logisch in den Baukörper gesetzt. Die untere, größere Einheit erstreckt sich über Erd- und Obergeschoss. Die obere Einheit umfasst drei Ebenen und die Dachterrasse. Dienende Räume und Treppen sind an die Brandwand gelegt, die Grundrisse der beiden Wohnungen fallen vergleichsweise konventionell aus. Beide Wohnungen besitzen einen zentralen Wohn- und Essbereich, der je eine gesamte Etage einnimmt, sowie eine weitere Ebene mit drei Schlafzimmern. Die obere Wohnung besitzt außerdem ein einzelnes, zusätzliches Zimmer in der fünften Etage.
In ihrer Projektbeschreibung verweisen die Barkow Leibinger auf den direkten Kontext, der sie zur Farb- und Materialwahl inspiriert habe. Das All-Over der Backsteinfassade und die quadratischen Fenster mit ihren Aluminiumrahmen lassen aber auch in eine ganz andere Richtung denken. Sie erinnern an die gediegene Nachkriegsmoderne Skandinaviens – ein Eindruck, der durch die Maßstäblichkeit des gesamten Hauses, das sich deutlich der Brandwand unterordnet, zusätzlich verstärkt wird. Auf angenehme Weise spielt der Neubau seine Rolle als Haus im Hinterhof, das sich an die Bestandsstruktur anlehnt und nicht aufzutrumpfen versucht. In diesem Sinne führt das Label „Pyramide“ eher in die Irre. Denn es geht, auch wenn es sich hier um ein großzügiges Zweifamilienhaus handelt, eben nicht so sehr um die Präsenz einer stereometrischen Idealform, sondern in vielfacher Hinsicht um ein Anpassen und Einfügen in die dichte, gründerzeitliche Stadtstruktur. (gh)
Fotos: Simon Menges, Laurian Ghinitoiu, Christina Möller
Hier heißt es u.a.: "Liegen anleiterbare Fenster in Dachschrägen oder Dachaufbauten, so muss ihre Unterkante oder ein davor liegender Austritt "1,00 m von der Traufkante (horizontal gemessen) entfernt sein." D.h. für die oberen beiden Geschosse ist ein Anleitern nicht möglich, da die Unterkante der Fenster mehr als 1 Meter (horizontal) von der Traufkante entfernt liegt. (Das lässt sich aus den Plänen erkennen.) Also 2. baulicher Rettungsweg nötig!
Anzunehmen. Der 1.RW wird über den Treppenraum gehen während der 2.RW über die interne Treppe ins 2.OG und dann übers Fenster erfolgt. Möglich, dass 3.+4.OG nicht mehr angeleitert werden können, bzw. man unschöne Rettungsbalkone vermeiden wollte.
Würde das Haus so aussehen, wenn man die Abstandsregeln konsequent in Geometrie umsetzt? Widerspricht der Wunsch der Denkmalpflege, ein Haus wieder aufzubauen, also zu rekonstruieren, nicht den eigenen Doktrin?
Da hat das selbsterklärte Volksauge also wieder einen Schandfleck ausgemacht. Und was ist wenn ich das Gebäude schön finde? Gehöre ich dann nicht mehr dazu, zu "unserem Auge"? Im übrigen glaube ich nicht, daß es darum geht eine Bauvorschrift auszutricksen. Ich verstehe den konzeptionellen Ansatz eher so, dass im Rahmen der bestehenden Regeln möglichst viel Qualität erreicht werden soll. Meiner Meinung nach ist das vollumfänglich gelungen. Insbesondere die Grundrisse sind sauber zoniert und bieten ein hohes Maß an Struktur und Nutzerkomfort. Glückwunsch dazu.