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26.02.2024

Elegie in Grau

Wohnhaus in der Lombardei von Antonino Cardillo


Wenn in einer Architekturbeschreibung ein Philosoph zitiert wird, liegt der Gedanke ans Haus Wittgenstein in Wien natürlich nicht fern. Ludwig Wittgenstein hatte es zusammen mit Paul Engelmann für seine Schwester Margarethe Stonborough-Wittgenstein entworfen. Ihnen gelang eine detailversessene Konkretisierung von Wittgensteins philosophischen Ideen. Von Wittgenstein spricht Antonino Cardillo (Trapani) allerdings gar nicht bei seinem jüngsten Projekt in Castiglione delle Stiviere. Vielmehr erinnert er an Hegels Grau in Grau als Sphäre der Erkenntnis. Das Wohnhaus, das er für eine dreiköpfige Familie errichtet hat, lässt aber mit seiner kantig-spröden Erscheinung trotzdem an das Haus in Wien denken. Zumindest äußerlich.

Castiglione delle Stiviere ist eine lombardische Kleinstadt in der Provinz Mantua, ungefähr fünfzehn Kilometer südlich des Gardasees. Der 2023 fertiggestellte Neubau steht in einer hügeligen Einfamilienhausgegend nordöstlich des Zentrums, wo er ein Eckgrundstück besetzt. Cardillo bezeichnet das Gebäude als Miniaturpalazzo, was angesichts einer Geschossfläche von mehr als 200 Quadratmetern durchaus treffend ist. Trotzdem wirkt das Volumen, dessen Erdgeschoss unmittelbar an das Nachbargebäude anschließt, dem ersten Eindruck nach bescheidener. Ein Effekt, zu dem insbesondere die wenigen, primär hochformatigen Fensteröffnungen beitragen, die den Maßstab verschwimmen lassen. Auch in ihnen könnte man ein Echo vom Wittgensteinhaus erkennen.

In Anbetracht der spärlichen Außenaufnahmen bedarf es ein Blick auf die Grundrisse, um sich das Bauvolumen zu erschließen. Das Erdgeschoss mit Garage liegt parallel zu Straße, nimmt allerdings nur einen Teil des Grundstücks ein. Das Obergeschoss ist hierzu rechtwinklig in die Tiefe des Bauplatzes geschoben und etwas eingerückt auf dem Sockel positioniert. Die Symmetrie der Westfassade betont den zweigeschossig aufragenden Mittelteil des Hauses. Die umlaufende Terrasse des Obergeschosses lässt sich von der Straße aus wiederum gar nicht erkennen. Der Ambiguität eines Grau in Grau wird Cardillo mit solch subtilen Manipulationen also durchaus gerecht.

Die eigentliche Überraschung wartet aber im Inneren. Während das Erdgeschoss mit Fenstern nur nach Westen ziemlich höhlenartig wirkt, erwartet einen im Obergeschoss eine fünfeinhalb Meter hohe Wohnhalle mit offenem Walmdach. Im unteren Teil ist dieser Raum komplett in Marmor verkleidet, die Decke besteht aus grobem Spritzputz. Im Zusammenspiel mit der eingestellten Küche hinter einer kurvigen Wand und dem Esstisch aus Granit lässt dieses Setting an ein Bühnenbild denken.

Für Cardillo sind in dieser Halle insbesondere auch nichtwestliche Referenzen von Marrakesch bis Istanbul zu erkennen. Die Bogentüren überall im Haus fügen sich hingegen eher in europäische Traditionen. Auch in räumlicher Hinsicht also eine Architektur voller Mehrdeutigkeit. (sb)

Fotos: Antonino Cardillo


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