Make-Up für Madrid
Wohngebäude von BURR
Bereits der Büroname deutet darauf hin, dass sich das Team von BURR (Madrid) mit einer besonderen Vorliebe dem nicht ganz so Perfekten widmet: „Burr“ bedeutet auf Deutsch „Grat“ oder „Kante“.
Bei ihren Projekten suchen sich die Architekt*innen nämlich immer wieder Orte oder Bedingungen, die zunächst schwierig erscheinen, deren spezifische Herausforderungen jedoch gerade deshalb zum fruchtbaren Ausgangspunkt des Entwurfs werden. Oft sind es Grundstücke, die aufgrund ihres schlechten Zustands, ihrer großen Gebäudetiefe oder ihrer besonderen städtebaulichen Situation ungenutzt bleiben. Auch das Wohnhaus O 14 entstand auf solch einem Restgrundstück: einer Baulücke in Madrid, die zuvor gewerblich genutzt wurde.
Einst stand hier, im nördlichen Stadtbezirk Tetuán, ein schlichtes Produktionsgebäude, das gut zum umliegenden Viertel mit seiner Mischung aus Wohnhäusern, Werkstätten, Geschäften und größeren Mietshäusern passte. Charakteristisch für das Gebäude war seine Ziegelfassade mit großen Pfeilern, hinter der sich eine wesentlich einfachere Halle aus Blech und grobem Ziegel befand. Genau diese „falsche Fassade“, die für Madrider Gewerbebauten jener Epoche typisch ist, führte BURR zur Kernidee ihres Entwurfs.
Schon früh stand dabei fest, dass die historische Straßenfassade aufgrund ihres schlechten Zustands nicht vollständig erhalten werden kann. Statt sie jedoch originalgetreu auszubessern, entwickelten BURR eine neue Fassade, die sich an den Proportionen der alten orientiert. Um den Effekt der falschen Fassade zu betonen, setzten sie dieser sogar noch eine zusätzliche Maske auf: eine Verkleidung aus glasierten, glänzenden Keramikelementen, deren gewölbte Oberflächenstruktur ein wenig an Wellblech erinnert. Passend zum rosafarbenen Ton der Keramik bezeichnen BURR diese aufgesetzte Maske als Make-up.
Hinter der Make-up-Fassade wurde das Innere der Lücke vollständig neu organisiert. Die Anordnung der Geschossdecken folgt dabei nicht der Logik der Fassade, sondern den funktionalen Anforderungen der Wohnungen. Dadurch entsteht eine Verschiebung gegenüber den Öffnungen der Gebäudehülle. Diese Diskrepanz macht das Nebeneinander der Konstruktionen sichtbar: die Maske zur Straße einerseits und die Nutzungsstruktur hinter dieser Fassade andererseits.
Die vertikal angeordneten Reliefkeramiken finden sich als Wandverkleidung auch im Erdgeschoss wieder. Auf der Rückseite setzen die Architekt*innen das Material erneut verspielt ein: Während der Ziegel hier sichtbar bleibt, erhielten die Fensterstürze dieselbe Keramikverkleidung wie die Hauptfassade. Die Geländer der französischen Balkone und die Fensterrahmen sind im selben Farbton wie die Keramik lackiert, auch die integrierten Schiebeläden greifen das Rosa der Fassade wieder auf.
Im Inneren entstanden auf 630 Quadratmetern fünf Einheiten. Ebenerdig finden sich Parkplätze und ein Lager. Die darüberliegenden Wohnungen werden über ein zentrales Treppenhaus erschlossen. Während im vorderen Bereich großzügige Bereiche mit einer lichten Höhe von fast vier Metern angeordnet sind, fügten die Architekt*innen im hinteren Teil mehrere Zwischengeschosse ein. Die Wohnungen im ersten Stock besitzen zwei Mezzaninebenen, die Wohnungen im zweiten und dritten Obergeschoss jeweils eine. Hier befinden sich Schlafzimmer und Bäder mit einer Höhe von rund 2,50 Metern.
Was sonst häufig nur von außen sichtbar wird, spiegelt sich hier auch im Inneren wider. Nicht nur machen die Zwischengeschosse die Verschiebung gegenüber der Außenfassade erlebbar, auch wird der Blick nach draußen durch die vorgelagerte Make-up-Hülle teilweise eingeschränkt.
Gerippte Betondecken zitieren auch in den Innenräumen die frühere Nutzung. Sie ziehen sich im Erdgeschoss bis zur rückwärtigen Fassade. Diese durch das Gebäude verlaufende gewölbte Struktur findet auf der Penthouse-Ebene ihren Abschluss in einem Tonnengewölbe über dem Wohnzimmer der oberen Loftwohnung. Wie auch in bisherigen Projekten setzen BURR kraftvolle Farbakzente in Form von Einbauküchen und Geländern in einem satten Blau und Griffen in einem kräftigen Gelb. (dsm)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- BURR
- Team:
- Teresa Martínez Pagés, Matías Rico, Amanda Bouzada, Marina van der Linden, Natalia Molina, Guillermo Hernández
- Bauleitung/ Kostenplanung:
- Dirtec Arquitectos Técnicos
- Genehmigungsplanung:
- García de los Muros
- Projektmanagement:
- Jose Juan Sopena
- Lichtplanung:
- Arkilum
- Bauherrschaft:
- Privat
- Fläche:
- 630 m² Bruttogrundfläche
O 14 wurde für den Brick Award 26 nominiert. Über ihren experimentellen Entwurfsansatz und die Frage, wie sich industriell genutzte Flächen für das Wohnen neu erschließen lassen, sprechen BURR im Interview in der BauNetz WOCHE #610.