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21.12.2017

Buchtipp: Kleine Eingriffe

Wohnen im Bestand der Nachkriegsmoderne


Die Wohnungsfrage ist wieder aktuell. So aktuell wie zuletzt in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Deshalb überrascht es kaum, dass die Politik in deutschen Städten heute teilweise zu ähnlichen Mitteln greift. Neue und bezahlbare Wohnsiedlungen entstehen am Stadtrand, die Wohnungstypologien sind oft wenig innovativ. Haben wir nichts gelernt? Der nachkriegsmoderne Wohnungsbau wurde zu Recht kritisiert, doch gerade deshalb kann man aus der Betrachtung des Bestandes sehr viel lernen. Dies zeigt das Buch „Kleine Eingriffe. Neues Wohnen im Bestand der Nachkriegsmoderne“ anhand deutscher und europäischer Beispiele. Der Titel bietet den Schlüssel zu einer neuen Herangehensweise an steigende Mieten und die damit verbundenen Probleme.

Treffend und unterhaltsam beschreibt Walter Nägeli, der das Projekt mit seinem Lehrstuhl an der KIT Karlsruhe betreute, die starre Wohnnorm der Sechzigerjahre: „die Kleinfamilie mit dem Wohnzimmer als repräsentativer Ort, dazu das elterliche Schlafzimmer als größter Individualraum und quasi sakrale Reproduktionsstätte“. Im Anschluss an das eben zitierte Vorwort zeigt ein Fotoessay von Michel Bonvin, dass diese Norm längst nicht mehr gilt. Die uniformen, hochoptimierten Grundrisse im Pallasseum in Berlin werden „sehr unterschiedlich mit Geschichte, Sinn und Bedeutung gefüllt und gestaltet“. Niloufar Tajeri, die das Buch gemeinsam mit Walter Nägeli herausgegeben hat, erklärt in ihren Texten, warum es sich lohnt, den Wohnraum auf seine Transformationspotentiale hin zu untersuchen.

Unterschiedliche Familienmodelle, Wohngemeinschaften jeglicher Altersgruppen, Einzel- und Clusterwohnungen, mit oder ohne Arbeitsplatz zu Hause – die Bandbreite an Wohnformen ist heute sehr groß, und ebenso vielfältig sind auch die Ansprüche an die Architektur. Durch die steigenden Mieten können viele Menschen, so führt Tajeri am Beispiel von Berlin aus, die Wohnung jedoch nicht mehr entsprechend ihrer veränderten Bedürfnisse wechseln. Gleichzeitig bricht ein Wohnungswechsel auch immer gewachsene Nachbarschaften und soziale Beziehungen auf und fällt den ohnehin zur Anonymität tendierenden Nachbarschaftsverhältnissen in Nachkriegsbauten noch weiter zur Last. Es ist also besser, nicht umzuziehen und den Blick auf die Potentiale zu lenken, die der bestehende Wohnraum besitzt. Und dafür schlägt das Buch einen neuen Weg vor. Anstatt wie damals von einem Wohnideal auszugehen, das in Form von Neubauten umgesetzt wird, soll der konkrete Bestand zum Ausgangspunkt für die Intervention, für die „kleinen Eingriffe“ werden.

Texte von bekannten Namen wie Tom Avermaete und Owen Hatherley oder Interviews beispielsweise mit Anna Heilgemeir oder Anne Lacaton zeigen die vielen Aspekte dieser Betrachtung auf. Da geht es ganz theoretisch um die „Sozialisierung des Räumlichen“ oder ganz praktisch um Wohnraumerhaltungskampagnen in London. Konkrete Projekte in Schweden, Frankreich, der Schweiz, Österreich sowie in Berlin zeigen in Bildern und Grundrissen, wie wirklungsvolle Eingriffe aussehen können.

Es dürfte kein Zufall sein, dass das Pallasseum in diesem Jahr unter Denkmalschutz gestellt wurde. Vielen ist die 200 Meter lange Hochhausscheibe von Jürgen Sawade noch als „Sozialpalast“ bekannt, doch mittlerweile ist das ikonische Gebäude beliebt. Auch, weil hier vor allem außen gemeinschaftlich nutzbare Räume geschaffen wurden, die den Bewohnern zusätzlichen Lebensraum bieten. In dieser Richtung, so zeigt das Buch, wäre noch viel mehr und anderes möglich. Nachbarschaft als „differenzierte Kollektivität“ macht die Großstadt lebenswert. Wie genau die aussieht, kann und soll im Einzelfall entschieden werden. (dd)

Kleine Eingriffe. Neues Wohnen im Bestand der Nachkriegsmoderne
Herausgeber: Walter Nägeli, Niloufar Tajeri
Birkhäuser, 2016
ISBN 13 978-3035608427
144 Seiten
49,95 Euro


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