Balkons auf Stelzen
Wohnanlage bei Paris von Brenac & Gonzalez
Statt eines Balkons gleich ein ganzes Baumhaus, nur ohne Baum – dieses doch sehr spezielle Extra zählt zur Ausstattung einiger Apartments des 2017 fertiggestellten Quartier Marcel Cachin in Romainville in der östlichen Banlieue von Paris. Der Entwurf für die wie eine kleine Stadt wirkende Anlage, die vom Immobilienentwickler Bouygues Immobilier in Auftrag gegeben wurde, stammt vom Pariser Büro Brenac & Gonzalez & Associés.
Statt eine geschlossene Kubatur auf die 10.790 Quadratmeter fassende Fläche zwischen vier Straßen zu setzen, erhoben die Architekten „Durchlässigkeit“ zu ihrem Gestaltungsprinzip: Sie kreierten ein in luftiger Reihung arrangiertes Ensemble aus insgesamt sieben zum größten Teil viergeschossigen Volumen, eines davon als äußerster Punkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegen. Zwischen ihnen breitet sich ein parkartiger Innenhof aus, in dessen Mitte ein Verbindungsweg den Block auf ganzer Länge quer durchschneidet und damit eine zentrale Blickachse eröffnet.
Um ihn herum gruppieren sich mehrere holzvergitterte, neun Quadratmeter große Kuben auf Stützen, die jeweils über eine Brücke mit den Gebäuden verbunden sind. Was aussieht wie ein Wald aus Stelzenhäuschen sind die Terrassen einzelner Wohnungen, die den Baukörpern als eigenständige Raumsatelliten zur Seite gestellt wurden. Andere Apartments verfügen über klassische Balkons in der gleichen Holzgitteroptik, wieder andere über Dachgärten. Die Erdgeschosse hingegen sind wie kleine Reihenhäuser mit Vorgärten und eigenen Eingängen angelegt. Das mit sechs Geschossen höchste Volumen treppt zum Hof hin ab und bildet so Terrassen aus. 161 Wohnungen fasst die Anlage, kaum eine gleicht in Ausrichtung und Ausstattung der anderen.
Der warme Holzton, der immer wieder auch an Fensterläden und Dachaufbauten auftaucht, zieht sich rhythmisch durch die asymmetrisch verspielte Hoflandschaft. Straßenseitig zeigt sich der Komplex dagegen konventionell kompakt und mit schlichten Fassaden. Auf diese Weise eine Alternative zur homogenen Langeweile klassischer Großwohnungsprojekte zu entwickeln, war das Ziel von Brenac & Gonzalez. Wie die Balkone genutzt werden, bleibt allerdings abzuwarten. So witzig die Stelzenhäuschen auf den ersten Blick auch sein mögen, am Ende erinnern sie doch ein bisschen zu sehr an große Vogelkäfige. (da)
Fotos: Sergio Grazia
Aber ich möchte den Fokus auf das Projekt selbst lenken. Wieso schafft man es in Frankreich immer wieder Quartiere mit unterschiedlicher Durchmischung zu schaffen? Wieso können dort immer wieder interessante Räume geschaffen werden? Wieso sind die geschaffenen Projekte schon auf den ersten Blick für den Laien spannender als es bei uns der Fall ist? Wird das "Land der Dichter und Denker", welches in den vergangenen Jahrzehnt/en Architektur in die ganze Welt exportiert hat von mutigen Projekten und kreativen Projekt im Ausland abgehängt, und das bei der höchsten Dichte an Architekten in Bezug auf die Einwohnerzahl weltweit? Ich würde mir wünschen dass in Deutschland mehr Projekte solcher Qualität entstehen.
Trotz der Lamellen"käfige". Räumlich mE. eine großartige Idee allemal, wenngleich Bild 36 meine bauphysikalisch gebrannte Seele, wenn es denn wirklich so gebaut wurde bzw ich die Materialien richtig deute, mehrfach erschaudern lässt.