Schlossgold und Gebirgstal
Wohn- und Geschäftshäuser in Dresden von Knerer und Lang Architekten
Entlang der Befestigungsanlagen aus dem 18. Jahrhundert und parallel zum Grüngürtel, der die Altstadt Dresdens umgibt, entstand auf enger Grundfläche ein Ensemble aus zwei Wohn- und Geschäftshäusern. Bis 1951 befand sich an diesem Ort eine der drei großen historischen Markthallen Dresdens, die der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg letztendlich nicht standhielt und abgerissen wurde. Da eine Bebauung aufgrund der städtebaulichen Situation lange Zeit als schwer realisierbar galt, wurde das Grundstück seither lediglich als Parkplatz genutzt. Seit 2013 nahmen sich der Weiterentwicklung der Flächen jedoch ein bayerischer und ein tschechischer Bauträger an, die als gemeinsamer Bauherr mit dem Namen Baywobau CTR Wallstraße II agierten.
Für eine geeignete Wohnbebauung sei die Innenhofsituation zu beengt, so die Prämissen der Planung. Der nun realisierte architektonische Entwurf von Knerer und Lang Architekten gemeinsam mit Noack Landschaftsarchitekten (beide Dresden) setzt dem eine Idee entgegen, die den Geschosswohnungsbau oberhalb einer durchgehenden Unter- und Erdgeschosszone anordnet. Diese Bereiche sind für mietbare Ladeneinheiten, Anlieferzonen, Garagen, Technikräume und Erschließung ausgebildet und räumlich klar getrennt. Gleichzeitig entsteht auf dem Dach des Sockels eine eigene, landschaftlich gestaltete Grünzone, in die beidseitig gestaffelte Terrassen hineinragen. Für die Planer*innen weckte das unter anderem die Assoziation an ein „grünes Gebirgstal mitten im großstädtischen Zentrum“.
Insgesamt 287 Ein- bis Fünfzimmerwohnungen konnten realisiert werden, diese verfügen fast ausnahmslos über einen hofseitigen Außenraum in Form von weiträumigen Terrassen oder kleineren Balkonen. Straßenseitig wurde der in Stahlbeton ausgeführte Massivbau teilweise mit eloxiertem Aluminiumlochblech im Farbton „Dresdner Schlossgold“ verkleidet. So solle eine Brücke zum urbanen Raum und zur Historie des bürgerlichen Stadtbildes entstehen.
Die Baukosten inklusive technischer Anlagen beliefen sich laut Angaben auf 50,7 Millionen Euro. Im Schnitt werden die frei finanzierten Mietwohnungen mit 12,30 Euro pro Quadratmeter netto angeboten. (sab)
Fotos: Jens Weber
bei diesem haus hat man selten den freien himmel über dem kopf, sondern immer an irgendeiner stelle die bodenplatte eines bzw. das volumen mehrer balkone im blickfeld. mit ausnahme natürlich derjenigen mietparteien, die den höchsten qm-preis für eine wohnung im obersten geschoss zahlen können. die stehen dann allerdings auf balkonen und nicht auf einer terrasse.
es handelt sich hier also eher um eine "ungleichheit in der beschränkung" wobei dann doch nur wenigsten den himmel unbeschränkt geniessen können, und sich die meisten mit der beschränkung arrangieren müssen.
warum sollte man diese problematik kontrafaktisch ignorieren und stattdessen ein plädoyer für einen idealtypus halten, der aus den bereits erwähnten harten materiellen grundlagen und interessen, die sich in der form und dem ausdruck dieses projekts zwangsläufig niederschlagen mussten, nicht zum zuge kommen konnte. es bleibt also die frage: architekturdebatte oder wolkenkuckucksheim?
Terrassen können auch das leidige Fassadenthema sprengen was für Architekten eine unzulässige Erleichterung ist. Das Ganze spielt sich dann mehr im Räumlichen ab und das ist ja auch eine Herrausforderung.
Der lange und schmale Innenhof ist für mich eine angemessene Lösung in diesem Kontext. Er kann durchaus Gemeinschaft ausdrücken. Wer in die Innenstadt zieht, kann kaum großen Abstand zum Nachbarn verlangen und üppiges Grün suchen. Die Grundrisse erscheinen OK und für mich ist es durchaus annehmbar, dass an solch einer Stelle auch einseitiges Wohnen organisiert wird, um halbwegs bezahlbaren Wohnraum in der Innenstadt zu schaffen.
Dennoch irritiert, dass die Hälfte der Terrassen im Hof gar nicht benutzbare Aussenräume sind, sondern mit groben Kies beschüttete Flächen, auf die ein paar schale Pflanzkästen gestellt wurden, damit es wohl nicht ganz so trostlos aussieht. Hat der Investor da am Ende gespart und eine billige "Zwischenlösung" verlangt? Oder soll verhindert werden, dass der Bereich einer Wohnungsöffnung mit einer anderen vermischt werden könnte? Da hakt das Balkonsystem gewaltig und man muss sich fragen, ob weniger Balkone nicht mehr gewesen wären - mehr Licht für die unteren Wohnungen und ein offenerer Hof, mehr visueller Kontakt aus den Wohnungen zum Kinderspielbereich und mehr visueller Kontakt von Nachbar zu Nachbar.
Auch die Begrünung des Hofes überzeugt mich nicht. Da scheint man für eine horizontale LKW-Durchfahrt auf keinen Parkplatz in den UGs verzichtet haben zu wollen, um diese unseligen und hässlichen Pflanzkästen vermeiden zu können. Dabei wären schon mit 50cm mehr Boden, die Pflanzkästen vielleicht fast ganz verschwunden oder zumindest auf Sitzhöhe abgesenkt worden - mit entsprechend positiver sozialer Wirkung auf die dortigen Bewohner. So stellen sie den wertvollen Aussenraum zu und die Bewohner schauen auf "weiße Wände", statt auf schönes Grün.
Der geckige Spielbereich kann es nicht herausreissen. Er wirkt steril und sein Design ist halt Design aber auch nicht mehr. Da war ein ähnliches Hofprojekt der IBA-Berlin in den 80er Jahren schon mehr als deutlich weiter ...
Gänzlich fragwürdig erscheint mir aber das straßenseitige Fassaden- und Erdgeschossdesign. Ich will nicht verstehen, dass man in der Innenstadtlage von Dresden eine so abweisende Architektursprache wählen konnte. Da ist irgendwie selbst die "alte Platte" auf der anderen Seite der Marienstraße besser. Ansichtssache, freilich - dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum man mit diesem EG die Innenstadt zur Wohnvorstadt degradieren wollte ... oder musste?
Das ist alles ein wenig enttäuschend, denn das Architekturbüro kann das deutlich besser, wie viele derer Projekte eindeutig nachweisen können!