Kniefall, Schale, Dach
Wettbewerb zum Einheitsdenkmal in Berlin
Auch beim zweiten Anlauf im Wettbewerb für ein „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ auf der Schlossfreiheit in Berlin wollte sich die Jury nicht auf einen Entwurf festlegen. Vielmehr präsentierte ein Trio aus Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Staatssekretär Rainer Bomba und früherem Architektenkammerpräsident Arno Sighard Schmid am Sonntag im Berliner Martin-Gropius-Bau drei gleichrangige erste Preisträger sowie zwei Anerkennungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten:
1. Preis: Milla und Partner (Architekten/Szenografen, Stuttgart) mit Sasha Waltz (Künstlerin/Choreografin, Berlin)
1. Preis: Andreas Meck (Meck Architekten, München)
1. Preis: Stephan Balkenhol (Bildhauer, Karlsruhe)
Anerkennung: Xavier Veilhan mit BP architectures (Paris)
Anerkennung: realitiers:united (Kunst- und Architekturstudio, Jan und Tim Edler, Berlin) mit Bjarke Ingels Group (Kopenhagen)
Die prämierten Arbeiten waren aus 28 nominierten Entwürfen ausgewählt worden. Für den Wettbewerb hatten sich an die 400 Teilnehmer beworben.
„Bürger in Bewegung“ heißt der Entwurf, den Milla und Partner mit Sasha Waltz als Denkmal vorschlagen. Die interaktive Skulptur ist eine Art große Schale, bei der die Grundfläche des Denkmalstandorts (der Sockel des ehemaligen Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm) wie nach oben gebogen erscheint. Besucher können die Schale in Bewegung setzen, ihre glänzende Unterseite ist mit Sätzen und Worten aus der Umbruchzeit beschriftet, sie wirkt wie ein Spiegel, in dem sich die Umstehenden erkennen. Die Jury hatte wegen des großen Gewichts der Skulptur und den unter dem Sockel befindlichen Gewölben vor allem statische Bedenken.
Der Entwurf von Andreas Meck beschreibt ein großes, rechtwinkliges „Dach“ aus Worten zum Einheitsprozess; die Sprache soll so als verbindendes Element der beiden lange getrennten deutschen Staaten stehen. Das „Dach“ schwebt über einem Grundriss der Bundesrepublik Deutschland, in dem die ehemalige innerdeutsche Grenze markiert ist. Getragen wird dieses transparente Dach von zahreichen Stützen, die an den Hauptstädten der einzelnen Bundesländer emporwachsen. Dem Denkmalbesucher wird also auch gleich ein Stück Geographieunterricht vermittelt.
Der Bildhauer Stephan Balkenhol schlägt schließlich die fünf Meter hohe Skulptur eines knienden Mannes als Einheitsdenkmal vor: „Der Knieende“. Abgesehen davon, dass in der Laudatio der Jury, die Arno Sighard Schmid vortrug, kein Wort des Bezuges zum Kniefall von Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos 1970 vorkam, wurde diese Geste von der Jury durchaus kritisch diskutiert.
Alle drei Preisträger-Entwürfe sollen nun erneut überarbeitet werden.
Erwähnung finden soll hier aber auch der mit einer Anerkennung gewürdigte Vorschlag von realities:united (Berlin) und BIG (Kopenhagen): Sie schlagen eine kreisrunde, leicht auf- und wieder absteigende Brücke vor, die die beiden Ufer des Kupfergrabens miteinander verbindet.
Die Ergebnisse des Wettbewerbs sind noch bis zum 31. Oktober 2010 im Martin-Gropius-Bau in Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, ausgestellt.
Alle Preisträger und Anerkennungen auf www.bbr.bund.de
Auf der Wippe sollte aber zur Veranschaulichung der Balancierung ein Gewichtsjoker stehen: pot of gold
bzw. in diesem fall zu präzisieren. also noch mal: WAS sollte hier genau ausgedrückt werden? das der Vorschlag von real:u wegen planungsrechtlicher Bedenken abgelehnt wurde ist nun wirklich peinlich!! Eine Brücke müsste natürlich gut geplant werden, aber das andere Ufer gehört doch auch dem Land, oder nicht? Wieso sollte da keine neue Brücke möglich sien??? Finde diese Idee unter alle die mit Abstand charmanteste!!!! Kniefall, Buchstabendach, das kann doch nicht euer Ernst sein!!!
die preisgelder sind noch immer ausständig! sind gespannt ob die presse diesesmal eigene worte findet oder weiterhin die pressemitteilung des auslobers fleissig kopiert. nach der vorbildlichen abwicklung des ersten wettbewerbs ist es schön zu sehen, dass so viele kollegen am zweiten wb teilgenommen haben . -solidarität- ist doch alles...
Ein Kniefall (entstand durch Kniefälle die Einheit?) vor einem Hohenzollernschloß mit Blick auf die Nationalgalerie oder den Berliner Dom, das Zeughaus oder das Haus des Kommandanten was soll dieses Denkmal darstellen? Die wankenden Schale wird in ihrer Gestalt womöglich unter Sicherheitsaspekten (Quetschgefahr, Absturzsicherung) noch leiden. Übrig blieben schattenhafte Worte auf den Umrissen des geeinten Deutschlands als akzeptable Lösung. Aber Worte unterliegen Bedeutungswechseln. "Wir sind das Volk" in einem Unterdrückungsstaat hat einen anderen Hintergrund als "Wir sind das Volk" gegen einen Bahnhofsneubau nach 15 Jahren Planung. Die akzeptable Lösung nach dem Entwurf Mecks gehört aber nicht an die ehemalige Schloßfreiheit (Freiheit von Kaisers Gnaden), sondern entweder in Nähe der ehemaligen Berliner Mauer, an den ehemaligen Standort der Staatssicherheit oder auf den Alexanderplatz.