Zukunftszentrum für Deutschland und Europa
Wettbewerb in Halle (Saale) entschieden
Mit Blick auf Ostdeutschland hat Soziologe Steffen Mau eine gewisse „Veränderungsmüdigkeit“ diagnostiziert. Die Nachwendejahre hätten die Menschen viel Kraft gekostet. Jetzt, da große Themen wie Migration, Digitalisierung oder Klima anstehen, würden viele abwinken. Einen Versuch, die Leute mitzunehmen (wie es so schön heißt), hat der Bund 2022 mit dem Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation auf den Weg gebracht, das in Halle (Saale) entstehen soll. Heute wurden die Ergebnisse des Planungswettbewerbs veröffentlicht.
Die Verantwortlichen des Bundesbauministeriums (Bauherrschaft) und des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung (Koordination) geben auf Nachfrage vorerst nur die Bilder des Siegerteams Richter Musikowski Architekten mit ST raum a. (beide Berlin) frei. Gewissermaßen im Gegenzug prägt ihren Entwurf umso mehr architektonische Transparenz. Die übrigen Preisträger*innen sind auf der Website des BBR zu sehen.
Nichts Geringeres als gesellschaftliche Transformationen sowie „Fragen der Demokratie und des Zusammenhalts in Deutschland und Europa“ sollen die Arbeit des Zukunftszentrums kennzeichnen. Ausgangspunkt für dieses nach vorne gerichtete Programm bilden die Umbrucherfahrungen der vergangenen drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, insbesondere in Ostdeutschland, aber auch in Mittel- und Osteuropa. Dazu strebe man den Austausch mit Bürger*innen an. Hoch gesteckte Ziele für den nächsten Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland, der für Betrieb und inhaltlichen Aufbau der Institution verantwortlich ist.
Die Architektur des Zukunftszentrums soll „eine Verbeugung vor den Lebensleistungen der Menschen in der Transformation“ darstellen – so die Aufgabenstellung des offenen, zweiphasigen Planungswettbewerbs (RPW 2013). Er richtete sich an Teams aus Architektur und Landschaftsarchitektur. Von insgesamt 126 Einreichungen schafften es 24 in die zweite Runde. Die Jury unter Vorsitz von Jórunn Ragnarsdóttir kürte drei Preise und vier Anerkennungen:
- 1. Preis: Richter Musikowski Architekten mit ST raum a. Landschaftsarchitektur
- 2. Preis: Sturm und Wartzeck (Dipperz) mit weihrauch+fischer (Solingen)
- 3. Preis: AV1 Architekten (Kaiserslautern) mit HDK Dutt + Kist (Saarbrücken)
- Anerkennung: kister scheithauer gross (Köln) mit Sassglaesser Landschaftsarchitekten (Berlin)
- Anerkennung: Grossmann Architektur mit studio/cm (beide Halle (Saale)) und Schieferdecker Landschaftsarchitektur (Dresden)
- Anerkennung: Franz und Sue (Wien) mit ERNST ² Architekten (Stuttgart) und EGKK Landschaftsarchitektur (Wien)
- Anerkennung: matrix architektur mit SoerenHoeller Architektur (beide Rostock) und arbos landscape (Hamburg)
Entstehen soll der Neubau am Riebeckplatz, einem Paradebeispiel der autogerechten Stadtplanung aus den 1960er Jahren. Richter Musikowski wollen einen 60 Meter hohen, geschwungenen Glaskörper auf den Verkehrsknotenpunkt nahe des Hallenser Hauptbahnhofs setzen. In der Jurybegründung heißt es, der Entwurf überzeuge „durch eine leicht wirkende und zugleich prägnante Formensprache“. Jan Musikowski spricht in der lokalen Presse von einem offenen Ort. Viel Transparenz, viele Eingänge und ein Dachgarten sind die architektonischen Eckpunkte.
Laut der heute vom Bundesbauministerium herausgegebenen Pressemitteilung stellt der Bund rund 200 Millionen Euro für die Gesamtbaukosten (Indexstand 2022) bereit. Geplant ist eine Nutzungsfläche von etwa 14.000 Quadratmetern mit Arbeitsplätzen für bis zu 200 Personen. Die Bundesbauverwaltung Sachsen-Anhalt wird nun das Verhandlungsverfahren mit den Preisträger*innen durchführen. Der Baubeginn könne voraussichtlich 2028 erfolgen, die Fertigstellung bis 2030.
Im Rahmen der Planungen für das Zukunftszentrum soll auch ein städtebaulicher Umbau am Riebeckplatz erfolgen. Verantwortlich sind dafür Kommune und Land mit Investitionsmitteln bis zu 67 Millionen Euro. 2026 will die Stadt Halle (Saale) einen entsprechenden städtebaulichen Wettbewerb ausloben. (mh)
- Architektur (1. Preis):
- Richter Musikowski Architekten
- Landschaftsarchitektur (1. Preis):
- ST raum a. Gesellschaft von Landschaftsarchitekten
- Bauherrschaft und Auslober:
- Bundesrepublik Deutschland vertreten durch das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen
- Nutzerin:
- Trägergesellschaft Zukunftszentrum vertreten durch den Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland
- Koordination und Durchführung des Wettbewerbs:
- Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR)
- Projektleitung Durchführung Baumaßnahme:
- Staatliche Bauverwaltung im Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt
- Fläche:
- 14.000 m² Nutzfläche
- Baukosten:
- 200.000.000 € Gesamtbaukosten
bbr.bund.de
Richter Musikowski Architekten waren Teil unserer „Shortlist 2018“.
Da kann man sich nur anschliessen und auf die Zukunft hoffen das die Kommentare etwas konstruktiver werden als populistisch wie meistens!
Mal die Kirche im Dorf lassen. 1. Es ist gut, dass offene Wettebewerbe gemacht werden. 2. Richter Musikowski sind bestimmt kein "zweitrangiges" Büro. 3. Der Entwurf ist besser als vieles, was in Deutschland so an Büroflächen entsteht. Wesentlich besser sogar! Und wenn das an DM erinnert: ich habe schon wesentlich schlechtere Referenzen gesehen. Und im Detail ist das natürlich ein anderer Entwurf. 4. Nutzungs- und staedtebauliche Rahmenbedingungen sind nicht den Architekten anlasten..... Wenn BN keine Projekte mehr veröffentlichen darf, die - Stahl, Beton und Glas benutzen. - nicht ein vorhandenes Gebäude benutzen - an andere Entwürfe erinnern dann kann die Seite dicht machen.
Den Gewinner kann man zwar nachvollziehen, aber aufregend ist daran gar nichts. Die restlichen Preisträger lassen zum Teil an der Verfassung der Jury zweifeln...
Sicher, die städtebauliche Setzung wirkt nicht wirklich geglückt und die irgendwie geformte Grossform überzeugt auch formal nicht. Der Innenraum kommt eher klassisch daher, was prinzipiell angesichts einiger im Baunetz herumgeisternder Projekte wohl eher als Lob zu verstehen ist. Wirklich beurteilbar ist das dank fehlender Grundrisse indes nicht. Eine Kritik indes, die sich allein auf (angebliche) Ressourcen- und Geldverschwendung stützt ohne die städtebauliche und architektonische Leistung des Entwurfs auch nur zu erwähnen, sollte in einem Bauforum keinen Platz haben.
das problem an diesem wettbewerb lag meines erachtens im (seltsamen) politischen willen auf verschiedenen ebenen, der letztlich in eine auslobung mit dieser grundstücksauswahl und diesem raumprogramm mündete. die politik hat ein zeichen in hausform bestellt. mir scheint, als sollte hier ein behördenähnliches institut für innere einheit aus dem boden gestampft werden. vielleicht hätte der wettbewerb mit unschärferen zielvorgaben erfolgversprechender werden können.