Wohnen am Dom
Wettbewerb in Erfurt entschieden
Wer gegenüber des ehrwürdigen Erfurter Mariendoms ein Wohnhaus mit Läden im Erdgeschoss errichten will, muss einen Wettbewerb durchführen. So ist es hier geschehen. Bei dem nichtoffenen Realisierungswettbewerb „Wohnen am Dom“ hat die Jury unter Vorsitz von Michael Mann am Mittwoch diese Preisträger gekürt:
- 1. Preis: Worschech Architekten Planungsgesellschaft mbH, Erfurt; Stock Landschaftsarchitekten, Jena
- 2. Preis: Osterwold°Schmidt EXP!ANDER Architekten BDA, Weimar; Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin
- Anerkennung: Jo. Franzke Architekten, Frankfurt; Die Landschaftsarchitekten Bittkau-Bartfelder + Ing. GbR, Wiesbaden
- Anerkennung: Patrick Hein Architekt, Dachwig; Katrin Rost Architektin, Erfurt; Heike Roos Landschaftsarchitektin, Denstedt
- Anerkennung: ARGE kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH & stern landschaften, Leipzig/Köln
- Anerkennung: F29 Architekten, Dresden; Storch Landschaftsarchitektur, Dresden
- Anerkennung: Thomas Müller Ivan Reimann Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin; Topotek 1, Berlin
Die Jury beurteilte die erstplatzierte Arbeit so: „Die Verfasser besetzen den Stadtraum mit drei einzelnen, relativ gleichartigen, winkelförmigen Bausteinen. Dabei wird die Front zur Domstraße nicht komplett geschlossen, sondern aus einzelnen, aus der historischen Körnung entwickelten Kopfbauten in drei Parzellen gegliedert. Aus den Kopfbauten entwickeln sich Zeilen in die Tiefe des Grundstücks, so dass sich jeweils Bezüge zum Dom und zum Breitstrom entwickeln, was eine besondere Qualität der Arbeit darstellt.
Der Entwurf zeigt eine hohe und eigenständige Qualität. Stadtstrukturell sind in diesem Quartier die hier vorgesehenen kleinen „Gassen“ wegen der Zerstörung 1813 nicht nachweisbar, zitieren aber im Stadtkern und auch im unmittelbaren Umfeld vorhandene Verkehrswege. Sehr geschickt wird die Höhenentwicklung vom Domplatz zur rezenten Bebauung an der südlichen Domstraße bzw. am Bergstrom über eine interessante Dachlandschaft vermittelt.“
Kommentieren
Meine Kritik: Der Charakter des Gebäudeentwurfs nimmt überhaupt keine Notiz von seiner direkten Umgebung. Er simplifiziert seine Nachbarn zu fensterlosen Blöcken, die nur in Höhe und Straßennähe zitiert werden. Die randomisierte Verteilung der Fensterflächen ohne jede Struktur bricht den harmonischen Straßenzug auf, verwirrt das Auge und wirkt auf den Betrachter kalt und invasiv. Die Dachproportionen des Entwurfs haben überhaupt keinen Bezug zu und keinerlei Respekt vor der historischen Hierarchie im Stadtteil. Wie ein störender Fremdkörper, der sich nicht integrieren will. Das Gebäude wird so Zeit seiner Existenz nie als integraler Bestandteil des Straßenzugs wahrgenommen werden, immer nur als egoistisch um maximale Aufmerksamkeit bettelnder Baukörper. Schade, erneut muss der öffentliche Raum als Spielfeld narzisstischer Egomanie herhalten.
Der Entwurf strahlt zudem keine Form der Emotion aus, wirkt mechanistisch und unmenschlich (also modern?). Der verspielte, zurückhaltende Charakter seiner Nachbarn wirkt viel lebensfroher und freundlicher. Die zwanghafte Offenheit des Entwurfs mit seinen überproportionalen Fensterflächen wirkt künstlich, falsch und erzwungen. Ein Bau, der sich der Öffentlichkeit preisgibt, keinerlei Rückzugsmöglichkeit verspricht. Es ist dem Entwurf förmlich anzusehen, wie unwohl er sich in seiner Umgebung fühlt.
Die Entscheidung sollte sicherlich noch einmal überdacht werden.
Wirklich traurig wie oberflächelich, nach ausschließlich formalen Kriterien und auf Grundlage eines einzigen Modellfotos der Stab gebrochen wird.
Das ist eines Fachforums nicht würdig, oder werden da nur fleisig Trollpunkte gesammelt?
Auch wenn der erste Preis, für sich betrachtet, durchaus seine Qualitäten hat, wirkt seine unruhige Dach- und Fassadenabwicklung an diesem sensiblen Ort völlig deplatziert. Die Konkurrenzentwürfe mögen weniger spektakulär oder "modisch" sein, gefallen aber ausnahmslos besser; besonders Müller Reimann fügen sich elegant und selbstverständlich ein, ohne zu rekonstruieren.
Die Erfurter Stadtplaner und Investoren sollten sich gut überlegen, ob sie am Domplatz dem flüchtigen Zeitgeist folgen oder eine Lösung wollen, die dem Ort gerecht wird. Abschreckende Beispiele gibt es anderswo wahrlich genug.
Schön das die faszinierende Platzsituation in Erfurt gegenwärtig und lebendig bleibt.
Glückwunsch an die Stadt Erfurt und natürlich die Kollegen Worschech. So selbstverständlich und Zwanglos wie sich der Entwurf einfügt, muss man das erst einmal hinbekommen.
Kilian