Neubau statt Aquarium
Wettbewerb für Rathaus Plauen entschieden
Das Rathaus in Plauen im Vogtland ist 1912-22 in monumentalen historistischen Formen errichtet worden. Im zweiten Weltkrieg teilzerstört, ist der Nordwestflügel 1976 durch tschechische Architekten wiederaufgebaut worden. Dabei wurde eine markante, fast gebäudehohe, abgeschrägte Glasfassade errichtet, die das Gebäude fortan entscheidend im Sinne der Ostmoderne prägt. Im Volksmund wird diese Glasfassade „Aquarium“ genannt. Diese Fassade wird jetzt als verschlissen dargestellt; auch die dahinter befindlichen Stahlbauteile genügen den Brandschutzanforderungen nicht mehr.
In Plauen wurde diskutiert, ob der vorhandene Bau renoviert, der kriegszerstörte Ursprungszustand rekonstruiert oder der mittlere Bauteil des Nordwestflügels neu gebaut werden solle. Der jetzt dafür durchgeführte Wettbewerb unter der Prämisse für einen „Ersatzneubau“ blieb nun zunächst ohne Sieger. Die Jury unter Vorsitz von Florian Nagler kürte am vergangenen Freitag diese Preisträger:
- 2. Preis: bhss architekten gmbh, Leipzig
- 2. Preis: RKW Architektur + Städtebau, Leipzig
- 2. Preis: atelier st, Leipzig
- Ankauf: berger röcker architekten, Stuttgart
- Ankauf: Abelmann Vielain Pock Architekten BDA, Berlin
Die Jury zur Arbeit von bhss: „Der Entwurf löst die bauliche Schließung des Nordwest-Flügels durch einen volumenreduzierten Baukörper, welcher über eine große gedeckte Freitreppe in die Tiefe eines offenen Innenhofes führt. Durch die schlichte dreigeschossige Lückenschließung nimmt sich die Rathauserweiterung zur gegenüberliegenden Lutherkirche angenehm zurück. Die entstehende Fassadenfigur bindet auf einfache überzeugende Weise die beiden Rathausflügel zusammen.
Das gewählte, sich von dem historischen Bild des alten Rathauses deutlich abhebende Motiv der Reparatur der Kriegslücke schreibt mit der eigenständigen Lösung die Geschichte des Rathauses in unserer Zeit überzeugend fort.“
Die Jury zur Arbeit von RKW: „Die Arbeit ist mit dem Motto ‚Wiederherstellung der städtebaulichen Höhendominante und Schließung der Wunde der Dachlandschaft‘ zu überschreiben.
Das Gebäudevolumen des historischen Vorbildes von 1922 wird zwar ohne den Dach-Turm, aber als Höhendominante durchaus wieder hergestellt. Durch die Umsetzung des Baukörpers in seiner klaren und einfachen Struktur wird eine klare Raumkante definiert, und er lehnt sich somit an die historische städtebauliche Struktur an.“
Die Jury zur Arbeit von atelier st: „Ein eigenständiger Baukörper fügt sich souverän zwischen die beiden historischen Seitenflügel ein. Die unerwartete Giebelständigkeit überrascht zunächst, überzeugt aber im nächsten Moment sowohl im Modell wie auch in der perspektivischen Darstellung. Noch verständlicher wird diese bewusst gewählte Form in Kontext mit der historischen Giebelfassade im Südflügel.
Der Neubau schiebt sich entsprechend des historischen Bestandes so in den öffentlichen Raum, dass der Besucher selbstverständlich vom Straßenraum über Treppen und Arkaden in das Foyer geführt werden. Trotz der historischen Bezüge wirkt die Fassade durch ihren minimalistischen Detaillierungsgrad modern.“
Alle drei zweiten Preisträger sind von der Jury mit Hinweisen zur Überarbeitung vesrehen worden. Eine zweite, abschließende Preisgerichtssitzung ist für den 26. Februar angesetzt worden. Eine Ausstellung der drei Entwürfe wird am 18. Dezember um 14 Uhr im Foyer des Rathauses eröffnet.
Dennoch denke ich mittlerweile auch, das der Entwurf von bhss das größte Potential hat. Die Erschliessung vom Innenhof ins Gebäude könnte noch einladender gestaltet werden. Aber räumlich ist da sehr viel Potential! Auch die Dachterrasse hat was, das kommt im Rendering gar nicht so deutlich rüber! Die anderen zwei Finalisten machen meiner Meinung nach den Fehler dem Historismus zu verfallen.
Bei competitionline sind die Preisträger und auch weitere Arbeiten komplett zu sehen. Ich denke, dass man sich so schon eine (über die Bewertung der Fassaden hinaus gehende) Meinung bilden kann.
@ Martin Schreiber
Der Spitzname "Aquarium" ist noch relativ neu: Die wirklich völlig verschlissene Fassade ist so undicht, dass die Scheibenzwischenräume meist mit Wasser befüllt sind. Hier besteht wirklich Handlungsbedarf. Das ist kein Luxus den sich (auch mein) Plauen da erlaubt!
so alles aus drei Fassadenbildchen zu lesen vermag.
Mir gelingt das leider nicht.
Ich sehe nur
1 x 90er - Jahre Investorenarchitektur (RKW)
1 x verkrampfte Moderne -- Totalfremdkörper (BHSS)
1 x Aldo Rossi -Postmoderne (atelier st) - wobei ich diesen Entwurf noch am besten finde. Hier ist der Umgang mit Historie kein langweiliges Zitat des Bestandes, sondern Augenzwinkernde Übersetzung des Bestandes.
Und an diesem 70er Bestandsmonstrum kann ich wirklich nichts ansatzweise Schönes endecken. Zum Glück sind die Zeiten solcher Monster vorbei. Schnell weg damit !!!
BHSS: Einen qualitativen Zugewinn durch den Innenhof kann ich nicht erkennen. Dafür wird der Hof durch die bügelförmige Überbauung viel zu sehr verschattet. Bei dem Entwurf finde ich zudem auch die Eingriffstiefe in nicht im Bearbeitungsbereich des Wettbewerbs liegende Bereiche des Rathauses sehr fraglich. So wird z.B. vorgeschlagen zwei alte Treppenhäuser abzubrechen, um dann an gleicher Stelle zwei neue und um 90° gedrehte Treppenhäuser einzubauen, weil das besser ins Konzept passt. Die Jury lobt den volumenreduzierten Baukörper - kein Wunder, wenn man sich in Bereiche ausdehnt, die eigentlich Tabu sind. Die Zugangssituation für Behinderte, ein wesentlicher Bestandteil der Auslobung, wird bei diesem Entwurf überhaupt nicht gelöst. Über die Wirkung der Fassade möchte ich gar nichts sagen. Es ist mir ein Rät-sel was die Jury bewogen hat, diesen Entwurf mit einem Preis auszuzeichnen.
Atelier ST: Dieser Entwurf schafft einen sehr gut proportionierten Innenhof und bildet einen kompakten Baukörper aus. Innenräumlich werden aber beengte und unattraktive Erschließungsflächen und zudem viele Stichflure angeboten. Betrachtet man den neu-en Gebäudeflügel lediglich für sich, sind die Flächen vielleicht noch ausreichend; nicht aber, wenn man sich vor Augen führt, welchem gewaltigen Rathauskomplex dieser Bauteil als Haupteingang und Repräsentationsbereich dienen soll. Mit dem breit gelagerten Giebel der Straßenfront kann ich mich nicht anfreunden. Das Problem der beiden vom Vorkriegsbau übrig gebliebenen Dachstummel der Seitenflügel wird hiermit nicht gelöst. Ein Zusammenführen der Dachflächen von Neu- und Altbau scheint mir zwar möglich, würde aber das Konzept des eingefügten Baukörpers zunichte machen.
RKW: Zuerst auffällig bei dem Entwurf ist leider die uninspirierte Fassadengestaltung. Die auf den zweiten Blick erkennbare Asymmetrie führt auch weniger zu einer Belebung, als zu einer Störung der Fassade. Trotzdem würde ich diesen Entwurf wählen, da er bei einer dringend notwendigen Überarbeitung der Fassade und einiger Problempunkte im Innenraum noch die meisten Qualitäten bietet. Das Foyer ist mit seinen zwei Ebenen und den unterschiedlichen Raumhöhen durchaus repräsentativ. Leider wird die Absenkung der Eingangsebene mit unnutzbaren Restraumhöhen im darunter gelegenen Stadtarchiv erkauft. Der neue große und der kleine Ratssaal wandern von der Beletage ins mezzaninartige 3. OG und ins hohe Walmdach. Die Nutzung dieses Dachraumes macht zwar Sinn, die Raumqualität dieses Dachbodens steht meiner Meinung nach aber selbst gegenüber dem momentan vorhandenen Saal aus den 70er Jahren nach.