Aus der Höhe in die Fläche
Wettbewerb für Justizzentrum in Köln entschieden
Die Hochhausparade an der Luxemburger Straße und dem Inneren Grüngürtel soll sich in den nächsten 10 bis 15 Jahren lichten, das plant die Stadt Köln. Nach jetzigem Stand wird auf dem Grundstück des bestehenden, 105 Meter hohen Justizzentrums, dem Nachbargrundstück und der Hans-Carl-Nipperdey-Straße ein großflächiger Komplex entstehen, der das Amts- und Landgericht sowie die Staatsanwaltschaft aufnehmen soll. Der zugehörige städtebauliche Wettbewerb war bereits 2022 entschieden worden. HPP Architekten konnten sich damals durchsetzen, gemeinsam mit Vössing Ingenieurgesellschaft (beide Düsseldorf) für die Verkehrsplanung.
Bei dem hochbaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb gingen nun HPP Architekten erneut als Sieger hervor. Gemeinsam mit Kraft.Raum. Landschaftsarchitektur und Stadtentwicklung (ebenfalls Düsseldorf) konnten sie den kürzlich abgeschlossenen, nichtoffenen Wettbewerb nach RPW 2013 mit 18 teilnehmenden Büroteams für sich entscheiden. Dem vorangegangen war ein offener Teilnahmewettbewerb und ein anschließendes Verhandlungsfahren nach VgV. Öffentlicher Bauherr für das Vorhaben mit insgesamt rund 150.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche ist der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB NRW) zusammen mit dem Land Nordrhein-Westfalen.
Gemäß der Wettbewerbsaufgabe war ein „identitätsstiftender Stadtbaustein“ gesucht. Die fünf versetzt angeordneten Kuben mit nahezu gleicher Höhe, die je einen Innenhof umschließen und eine zentrale Durchwegung vom Grüngürtel ins Quartier erlauben, überzeugten die Jury bereits als städtebauliche Konfiguration. Die architektonische Ausgestaltung betont nun die Verzahnung sowohl innerhalb der Gebäudeblöcke selbst als auch die des gesamten Ensembles mit dem angrenzenden Stadtraum. Der Vorschlag sieht eine Stahlbetonstruktur vor, die in den Obergeschossen der Verwaltungsbereiche um eine Holz-Lehm-Hybridkonstruktion ergänzt wird. Unterschiedlich gegliederte und großflächig verglaste Fassaden mit einem Raster aus Stahlbetonfertigteilen in Sichtbetonqualität charakterisieren den erstplatzierten Entwurf. Das Wettbewerbsergebnis im Überblick:
- Platz 1: HPP Architekten mit Kraft.Raum. Landschaftsarchitektur und Stadtentwicklung (beide Düsseldorf)
- Platz 2: Meurer Generalplaner (Frankfurt am Main) mit architecture + aménagement (Luxemburg) und HDK DUTT & KIST (Saarbrücken)
- Platz 3: JSWD Architekten (Köln) mit GINA Barcelona Architects (Barcelona) und Greenbox Landschaftsarchitekten (Köln)
- Anerkennung: Baumschlager Eberle Architekten BE (Berlin) mit Planstatt Senner (Überlingen)
- Anerkennung: HENN (München) mit LATZ + Partner LandschaftsArchitektur Stadtplanung (Kranzberg)
- Anerkennung: gmp International (Aachen) mit ST raum a, Gesellschaft von Landschaftsarchitekten (Berlin)
Die Jury unter Vorsitz des Architekten und Stadtplaners Heiner Farwick (Ahaus) begründet ihre Entscheidung zugunsten des einstimmig gewählten ersten Platzes wenig überraschend auch aufgrund der Kohärenz zum Masterplan: „Die Arbeit besticht in ihrer städtebaulichen Setzung, verfolgt und interpretiert die Vorgaben der städtebaulichen Rahmenplanung konsequent weiter.“
Auch gestalterisch scheint das Gewinnerteam die in der Auslobung gestellte Frage nach einer Architektur und Haltung für ein angemessenes Justizzentrum der Zukunft am treffendsten beantwortet zu haben: „Das Hauptgebäude enthält nach außen den Charakter, den man sich für eine offene und bürgernahe Justiz wünscht: Transparenz und Vielschichtigkeit, die mit der vorgeschlagenen Fassade auch sehr gut einhergeht.“ Gleichzeitig wurden der hohe Verglasungsanteil hinsichtlich Hitzeschutz und die Einhaltung einer gewissen Vertraulichkeit angemahnt. Insgesamt handele es sich jedoch um einen sehr stimmigen Wettbewerbsbeitrag, der in sehr vielen Belangen überzeuge, so das Preisgericht.
Nicht unumstritten ist nach wie vor der geplante Abriss des 1981 nach Plänen des Kölner Architekten Henrik Busch errichteten, 23-geschossigen Hochhauses für die Justiz. Der Neubau begründe sich laut Auslober etwa dadurch, dass im Bestand eine umfassende Sanierung nötig und so eine „deutliche Erweiterung der Saalkapazitäten“ möglich sei. Unter anderem der BUND fordert hierbei laut Kölner Stadt-Anzeiger erneut eine deutliche Kurskorrektur. Weitere Akteure benennen es außerdem als Kuriosum, dass das Justizzentrum nach dem – erst ab 2031 geplanten – Rückbau und Abriss interimsweise in ein unmittelbar benachbartes Hochhaus des ehemaligen Arbeitsamtes ziehe, das derzeit von einem Investor erfolgreich saniert wird.
In dem Zusammenhang fällt noch die Schlussanmerkung im Juryprotokoll auf: „In keinem der prämierten Entwürfe wurde die Anstrengung unternommen, die zur Verfügung stehenden Materialien der abgehenden Gebäude in den Entwurf aufzunehmen. Diese Haltung ist kritisch vor dem Hintergrund des europäischen Bestrebens nach Klimaneutralität im Jahre 2050. Das Erreichen der Klimaziele ist unter einer Vielzahl weiterer Maßnahmen nur mit dem sinnvollen Bestandserhalt,
Ressourcenschonung und Verwendung von nachwachenden Rohstoffen möglich.“ Mit der Fertigstellung beider Bauabschnitte des Neubauvorhabens wird ab 2040 gerechnet. (sab)
Und diese Render mit ultradurchsichtigen Fenstern vor super hellen Räumen gehören eigentlich verboten. Fenster sind tagsüber meist schwarze Löcher, müsste auch eigentlich jeder wissen. Wieso akzeptiert man diese Täuschung?
Und wenn wir schon bei Phrasen sind: Dass große Glasflächen für "Transparenz" stünden, ist ein Glaubenssatz, der nur in Renderings überzeugend ist. Glas reflektiert und erzeugt großflächig verbaut einen eher abweisenden, ja einschüchternden Charakter. Architektur, die Kommunikation zulässt, und das ist ja wohl mit "Transparenz" gemeint, muss sehr viel mehr aufweisen als nur große Fenster. Das festgefahrene und von den Kammern mit Zähnen und Klauen eifersüchtig bewachte System der Jurys im Rahmen der RPW kommt deutlich erkennbar an seine Grenzen.