Gezähmter Koloss in Brüssel
Wettbewerb Europäisches Parlament entschieden
Das Europäische Parlament ist nicht nur die einzige direkt gewählte, supranationale Institution der Welt – es ist auch eine wandernde Institution. Offizieller Sitz ist Straßburg, wo jährlich zwölf jeweils viertägige Plenarsitzungen stattfinden. Ausschüsse und Fraktionen tagen jedoch in Brüssel, wo jedes Jahr ebenfalls bis zu sechs Plenarsitzungen stattfinden. Seit vielen Jahren favorisiert eine Mehrheit der Parlamentarier*innen, die Institution komplett nach Brüssel zu verlegen, was erhebliche Ressourcen sparen würde. Doch entsprechende Pläne scheiterten bisher auf politischer Ebene.
In Brüssel wurde nun zumindest planerisch ein großer Schritt getan, den dortigen Sitz des Parlaments fit für die Zukunft zu machen. Bereits Anfang 2021 (!) entschied die Jury, im Sommer 2022 wurde das Ergebnis für Neu- oder Umbau des bisherigen Parlamentsgebäudes bekanntgegeben, im Dezember wurden die ausgezeichneten Arbeiten schließlich veröffentlicht. Der erste Preis ging an Europarc. Hinter dem etwas nichtssagenden Namen verbergen sich die fünf renommierten Büros JDS Architects (Kopenhagen), Coldefy (Lille), NL Architects (Amsterdam), Carlo Ratti Associati (Turin) und Ensamble Studio (Madrid). Für den Wettbewerb arbeitete Europarc mit UTIL (Brüssel) und Ramboll (Kopenhagen) zusammen.
Die Aufgabe des vom Berliner Büro [phase eins] betreuten Wettbewerbs bestand darin, das monumentale postmoderne Paul-Henri SPAAK Building des Parlaments zu „erneuern“ – wobei die Art der Erneuerung erklärtermaßen ein entscheidender Punkt im Wettbewerb war. Von der behutsamen Sanierung des Ende der 1980er Jahre entstandenen Hauses aus der Feder von Michel Boucquillon bis hin zum kompletten Neubau war theoretisch alles möglich. Bereits seit 2010 gilt das SPAAK offiziell als sanierungsbedürftig.
132 Teams hatten sich für die Teilnahme am Wettbewerb beworben. 15 wurden schließlich eingeladen, einen Entwurf einzureichen. Die von Dorte Mandrup (Kopenhagen) geleitete Jury – in der Marilyne Andersen (Lausanne), Kristiaan Borret (Brüssel), Manuelle Gautrand (Paris), Carme Pigem (Olot), Kazuyo Sejima (Tokio) und Dimitri Tenezakis vom Europäischen Parlament als Fachpreisrichter*innen fungierten – vergab fünf Preise:
- 1. Preis: JDS Architects (Kopenhagen), Coldefy (Lille), NL Architects (Amsterdam), Carlo Ratti Associati (Turin), Ensamble Studio (Madrid), UTIL (Brüssel) und Ramboll (Kopenhagen)
- 2. Preis: Jabornegg & Pálffy (Wien), Kuehn Malvezzi (Berlin) und AXIS (Wien)
- 3. Preis: Moreau Kusunoki (Paris) und Dethier (Liège)
- 4. Preis: Belvedere (Paris) und Ove Arup (London)
- 5. Preis: A2M (Brüssel), VK Engineering (Brüssel) und C.F. Møller (Aarhus)
Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten um Ressourcen, Ökobilanzen und Umbaukultur dürfte der erste Preis nicht zuletzt deswegen überzeugt haben, weil er zumindest partiell auf die Bestandskonstruktion zurückgreift. Europarc schreiben: „Die zentrale Idee des Entwurfs ist es, die noch nutzbaren Elemente des SPAAK zu erhalten: die Bestandskonstruktion vom Erdgeschoss bis zum siebten Stock und eine Auswahl der originalen Baumaterialien. Allerdings müssen mehrere Änderungen vorgenommen werden, um die Gesamteffizienz des Gebäudes zu verbessern: Der obere Teil des derzeitigen SPAAK in Stahlleichtbauweise wird demontiert, um Platz für die notwendige Erweiterung (drei neue Geschosse) zu schaffen, die die neuen, vom Programm geforderten Funktionen sowie den neuen Parlamentssaal mit einem hohen Maß an Flexibilität aufnehmen kann.“
Auf Straßenniveau soll eine öffentliche Passage quer durch das Haus führen. Bekrönt wird das Haus von einem Dachgarten, der laut Planer*innen ebenfalls öffentlich zugänglich sein soll. Vom Dachgarten aus soll man wiederum durch ein großes rundes Glasdach in den darunter liegenden Plenarsaal blicken können. Einen vergleichbaren Ansatz, die Bestandsstruktur zu integrieren, boten die vier weiteren Preise nicht.
Um die 300 Millionen Euro sind aktuell für den radikalen Umbau budgetiert, der aus dem hermetischen postmodernen Koloss ein zeitgemäßes und offenes Haus machen könnte. Ende des Jahrzehnts soll das Projekt abgeschlossen sein. Angesichts der Tatsache, dass zwischen Juryentscheid und Veröffentlichung der Projekte über eineinhalb Jahre vergingen, darf man skeptisch sein, ob der Zeitplan eingehalten werden kann. Immerhin: Der planerische Ansatz und das europäisch breit aufgestellte Team des ersten Preises stimmen positiv. (gh)
Nicht, dass sich hier irgendein Eurpafeind ermutigt fühlt: Ich persönlich halte die EU und damit auch ihr Parlament für die beste politische Idee, die in Europa in den letzten 200 Jahren erdacht wurde, Punkt! Ich weiß aber nicht, ob man der Sache mit einem solch banalen Bürohaus einen Dienst erweist. Entweder die Kritiker:innen haben recht (was sie natürlich nicht haben) und die EU ist nichts weiter, als eine aufgeblasene Bürokratie und Lobbygruppe und tritt ebenso gesichtslos in Erscheinung; oder wir müssen uns mal dringend darüber Gedanken machen, wie sich eine Demokratie auch in ihren Gebäuden nach außen zeigt.
Im politischen Kontext spricht Architektur immer und ich sehe hier eine Konstruktion, die zwar eine menge Stadtraum einnimmt, aber ihm nichts sagt und vermutlich wenig zurück geben wird, die stumm und blass ist und ihre Transparenz lediglich als Feigenblatt präsentiert, aber aber im Grunde nicht von einem Bankenturm unterschieden werden kann.
Und dass die Öffentlichkeit des Dachgartens am Ende nicht durch Voranmeldungen und Besuchskontingente fein kuratiert sein wird, halte für bestenfalls fragwürdig. Es bleibt also ein himmlischer Garten mit digitalem Türsteher und einer Demokratie hinter dickem Panzerglas. Ein Raum an dem Demokratie beobachtet werden aber nicht spontan stattdinden kann. Das wäre schade, so wie dieses Haus.
Das Zyklopische Zusammenhanglose mit dem riesenhaften Bürokamm dahinter ist typisch Brüssel und eine ganz eigene Liga, wenn nicht von ganz Belgien. Hat so schon eine eigene Qualität und nichts zu tun mit unserem angepassten klein klein.
Ist eine Urbanität die keinen Maßstab kennt. Prototyp hierfür ist der Brüsseler Justizpalast. Dieser unvermittelt bruchstückhafte Größenwahn passt irgendwie zum ewig unfertigen der EU, könnte ihr eigener Stil werden.
Ein endloses Gefüge, je gegensätzlicher umso inniger.
Oder stammen die Teile vom SPAAK?