Prix in Frankfurt
Vorträge zur Großmarkthalle – mit Kommentar der Redaktion
Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt wirbt in der Öffentlichkeit um Akzeptanz für ihr dortiges Neubauvorhaben nach einem Entwurf von Coop Himmelb(l)au, bei dem auch die Bausubstanz der denkmalgeschützten Großmarkthalle von Martin Elsaesser angefasst wird. Der Bauherr möchte anerkannt wissen, dass es sich dabei um „Erhaltungs- und Sanierungsarbeiten an der Großmarkthalle“ handele.
Nachdem am 13. April 2010 bereits ein Journalistenseminar zum Thema angeboten wurde, ist heute die interessierte Öffentlichkeit zu einem Vortragsabend zum Thema eingeladen. Als Koproduktion mit dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) findet die Veranstaltung allerdings im Museum für Angewandte Kunst (MAK) statt, da das DAM-Gebäude derzeit sanierungsbedingt geschlossen ist.
Das Programm:
- Horst Peseke, Tragwerksingenieur, Bollinger + Grohmann Ingenieure:
Das Tragwerk der Großmarkthalle und die notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen
- Sven Raecke, Restaurator:
Die Materialien und Oberflächen der Großmarkthalle und ihre Sanierung
- Wolf D. Prix, Architekt Coop Himmelb(l)au:
Die neue Nutzung der Großmarkthalle
- Moderation:
Peter Cachola Schmal, Direktor DAM
Termin: 28. April 2010, 19 Uhr
Ort: Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, 60596 Frankfurt am Main
Kommentar der Redaktion
Jeder, der die besenrein ausgeräumte Großmarkthalle in diesen Tagen von innen sieht, kommt wohl reflexartig zum gleichen Ergebnis: „Bitte nichts anfassen, bitte alles so lassen, wie es ist.“ Doch leider: Es geht nicht.
Die fast 200 Meter lange „Gemüsekirche“ (Frankfurter Volksmund) aus den zwanziger Jahren macht innen den Eindruck einer mächtigen Kathedrale. Diese Raumwirkung soll nun durch Einbauten beeinträchtigt werden, Teile der Fassade und der Betondachschalen gar mit einem Neubauteil „durchstoßen“, also materiell zerstört werden?
Die Wellen dieser Debatte schwappten vor ungefähr rund zwei Jahren hoch, als die EZB die niedrigen seitlichen „Annexbauten“ abgerissen hat. Diese standen dem Sicherheitskonzept der Bank im Wege. Nicht wenige zweifelten damals den Sinn solch einschneidender Maßnahmen an.
Und tatsächlich haben die Wettbewerbssieger Coop Himmelb(l)au ihren ersten Entwurf aus dem Jahr 2001 im Zuge des Planungsprozesses bereits im Hinblick auf Erhaltung möglichst großer Teile des Bestandsbaus „optimiert“. Gleichwohl gilt: Coop Himmelb(l)au sind keine „Denkmalpflegearchitekten“. Oder mit den Worten von Wolf D. Prix: „Es gibt im Hinblick auf Denkmalsubstanz ein restauratives und ein offensives Konzept. Wir wählen das offensive. Es geht respektvoll mit dem Bestand um, lässt ihn lesbar, aber es zielt auf eine neue Wirkung.“
Und für diese neue Wirkung (Prix: „Es gilt, ein Icon für die EU zu schaffen!“) muss Architektur eben „brennen“. Die alte Großmarkthalle wird stadtseitig zum repräsentativen Eingangsbauwerk für die beiden neuen mainseitigen Bürotürme; die Halle wird mit den Türmen mittels eines „Verbindergelenks“ verbunden.
Dieser Baukörper beeinträchtigt drei der 15 Joche der Halle. Der Bauherr wird nicht müde zu betonen, dass es sich dabei um diejenigen Teile der Halle handelt, die nach Kriegszerstörungen leicht verändert wieder aufgebaut wurden, mithin also keine „Originalsubstanz“ betroffen sei. Dieses Argument hält einem modernen Denkmalbegriff allerdings nicht Stand, denn alle Veränderungsspuren sind Teile des Denkmals, also auch die materiellen Zeugnisse von Zerstörung und Wiederaufbau.
Fast wie um das schlechte Gewissen zu beruhigen, tut die EZB an allen anderen Stellen des Denkmals mit der größtmöglichen Akribie das, was einem solchen Denkmal angemessen ist: Es wird erforscht, konserviert, restauriert und dort, wo es nötig ist, in den Originalzustand zurückgebaut. Dafür wendet die EZB eine Menge Geld auf. Und das ist die eigentliche gute Nachricht: Niemals, seit die Stadt beschlossen hatte, die Großmarktnutzung hier herauszunehmen, hat es eine aussichtsreichere Perspektive für die Erhaltung des Denkmals gegeben als heute. Architekten, Tragwerksplaner und Restauratoren arbeiten hier Hand in Hand; die Denkmalpflege auf Stadt- und Landesebene begleitet die Planungen und gab ihre Zustimmung. Am 19. Mai 2010 erfolgt hier die Grundsteinlegung.
Die Alternative wäre die Erhaltung einer funktionslosen Industrieruine gewesen, die früher oder später dem Verwertungsdruck nicht standgehalten hätte und abgerissen worden wäre. Zur Erinnerung: Es gab weit und breit keinen ernsthaften anderen Nutzungsvorschlag.
Somit muss man den Entwurf von Coop Himmelb(l)au weiterhin nicht unbedingt mögen, um anzuerkennen, dass dieses Bauvorhaben alternativlos ist. Die Großmarkthalle bleibt als Baukörper vorhanden und erlebbar; der Abriss der Annexbauten hat ihr augenscheinlich nicht geschadet, und in Zukunft hat sogar die Öffentlichkeit Zugang zu Teilen der „Gemüsekirche“. Das ist nicht die schlechteste Perspektive für Elsaessers grandiose Großmarkthalle.
(Benedikt Hotze)
Wenn ich mir Fotos anderer ansehe (Deutsches Architektur-Forum), wird deutlich, daß dabei offenbar alles zerstört wird, was andernorts, bei den "Annexbautren" mit großem Aufwand gesammelt wurde. Ich spreche von den Klinkern, mit denen die Fassade verblendet ist.
Im übrigen hat die Halle durch den Abriß der "Annexbauten" entgegen andersleutender Behauptungen wesentlich an Wirkung verloren.
SO sieht also Denkmalschutz und behutsamer Umgang aus?!
Ist es sicher, dass es keine andere Nutzung für diese großartige Halle gibt? Eilt es so mit einer "Umnutzung". Oder wird gerade mit der Saugglocke eine neue Tradition in Frankfurt geboren, große Gebäude wie die EZB, mit geringer Halbwertzeit, nach wenigen Jahrzehnten wieder unter großen Aufwand entsorgen zu dürfen, wie das technisches Rathaus am Römer/Dom in Frankfurt am Main? Daher ist die aktuelle Bilderserie von der Großmarkthalle Vergangenheit und Zukunftsvision zugleich. Lasst uns abwarten und Äppelwoi trinken. Ein, zwei Generationen und es wird eine geeignete Nutzung für die Großmarkthalle gefunden werden, so wie für den Bereich des technischen Rathauses anscheinend auch eine geeignete Nutzung gefunden wurde...
Das Beruhigende ist, dass Städte schon immer so funktioniert haben.
Richtig. Eben diese Alternativlosigkeit kennzeichnet in meinen Augen ideologischen Absolutismus. Schnell noch Brian Cody mit ins Boot geholt, damit das grüne Lametta nicht fehlt, und voilá.
Mit dem Himmelblau'schen Entwurf erhält diese Haltung auch seine passende Zitadellengestalt.
Architektur muss gar nichts. Und schon gar nicht brennen.
PS - Viagra ist auch himmelblau (und verkauft sich in Dubai auch bestens)