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03.07.2024

Buchtipp: Dissonant Heritage?

Vom Umgang mit der Architektur des Dritten Reichs in Polen


Im Englischen gibt es den treffenden Begriff des „dissonant heritage“ – wörtlich: schweres oder disharmonisches Erbe. Gemeint ist ein Erbe, mit dem einem der Umgang besonders schwerfällt. So wie zum Beispiel die Bauten, die das „Dritte Reich“ im besetzten Polen hinterlassen hat.

Kein Wunder also, wenn man in dem klugen Buch Dissonant Heritage. The Architecture of the Third Reich in Poland über den polnischen Diskurs zum Umgang mit diesem besonders disharmonischen Erbe liest, dass in der dortigen Architektenschaft unmittelbar nach dem Krieg viele für einen unmittelbaren Abriss von allem „Deutschen“ eintraten. Ein „gutes Beispiel für das Ausmaß an anti-deutschen Emotionen“ bringt der Kunsthistoriker Jacek Purchla in seinem einleitenden Essay. Da forderten die Abgeordneten aus Masuren auf dem ersten polnischen Architektenkongress im November 1944 (!), „alle ehemaligen teutonischen Burgen im Land vom Angesicht der Erde zu entfernen, dass keine Spur zurückbleibe und alle Erinnerung an sie in Vergessenheit gerate“.

Eine etwas jüngere, wenn auch ebenso radikale Stimme zitiert der Kunsthistoriker Robert Traba in seinem wunderbaren Beitrag über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im deutschen und im polnischen Umgang mit ihrem dissonanten Erbe. Er verweist auf die polnische Schriftstellerin Anna Janko, die in einer autobiografischen Novelle 2015 wütend darüber nachdenkt, dass es doch am besten sei, Auschwitz und alle Konzentrationslager aus Polen einfach nach Deutschland zu schicken, um sie dort aufzubauen. Nur so könnten Missverständnisse bei den Millionen von Touristen vermieden werden, die jedes Jahr die Konzentrationslager in Polen besuchen.

Die Vernichtungslager sind jedoch nur die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs an baulichem Erbe, in dem sich die deutsche Besatzung tausendfach in sehr viel banaleren Gebäuden und nie umgesetzten Projekten ausdrückte. Es ist daher nur auf den ersten Blick überraschend, dass von den 19 Essays nur einer von einem Konzentrationslager handelt. Dort schreibt der Historiker Michał Niezabitowski vor allem über das schwierige Erinnern an das KL Plaszow in Krakau, das zwar durch den Film Schindlers Liste zu einiger Bekanntheit gelangte, sonst aber eher in Vergessenheit geriet – trotz seines bestialischen Kommandanten Amon Göth.

Die anderen Essays fokussieren hingegen auf jene Planungen, die auf den ersten Blick ziviler wirken, hinter denen aber überall die Strukturen und die Ideologie der Nationalsozialisten sowie deren Übersetzung in Architektur, Städtebau und Raumplanung lauern, genauer: die gewaltsame Germanisierung der besetzten Gebiete und das Auslöschen aller polnischen Kultur. Die subtile Gewalt unter den idyllischen Zeichnungen wird in allen Beiträgen deutlich, ob bei Niels Gutschow, der die neuen Raumordnungen für den „Lebensraum im Osten“ skizziert, bei Jerzy Ilkoszs Text zur „Deutschen Moderne im Schatten der NSDAP“ in Breslau, bei Zanna Komar, die Biografien von Ingenieuren und Architekten der TH Stuttgart nachzeichnet, die wohl nicht zufällig gemeinsam in Krakau für das Dritte Reich arbeiteten.

Dass sich das Buch dabei vor allem jenen Planungen widmet, die sonst bei Diskussionen über die Architektur des Dritten Reichs in Polen weniger im Vordergrund stehen, und dass dabei ausnahmslos alle Essays so kenntnisreich wie präzise geschrieben, hervorragend editiert und bebildert sind, macht die Lektüre ohne jede Einschränkung empfehlenswert. Das Buch macht darüber hinaus deutlich, wie wichtig gerade das Bewahren des dissonanten Erbes ist, um sich beständig damit auseinanderzusetzen und immer wieder zu begreifen, wie bedeutend das derzeit wieder so oft zitierte „Nie wieder“ tatsächlich ist.

Text: Florian Heilmeyer

Dissonant Heritage? The Architecture of the Third Reich in Poland

Zanna Komar und Jacek Purchla (Hg.)
Englisch
384 Seiten
International Cultural Center Kraków, Krakau 2020
ISBN 978-83-66419-16-2
18 Euro

Erhältlich über den Buchladen des ICC Kraków.

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