Augen zu und durch
Verfahrensfehler bei Berliner Schloss-Wettbewerb
Das Kunstmagazin Art und die Berliner Stadtillustrierte Zitty haben gemeinsam recherchiert und dabei Verfahrensfehler beim Wettbewerb für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses (siehe BauNetz-Meldung vom 28. 11. 2008) aufgedeckt: Demnach hatte der erste Preisträger, Franco Stella aus Vicenza, bisher weder mindestens drei fest angestellte Mitarbeiter, noch hat er in den Jahren 2004 bis 2006 einen jährlichen Umsatz von mindestens 300.000 Euro aus Bau und Planung erwirtschaftet. Dies waren aber die (durchaus umstrittenen) Kriterien für die Zulassung zum Wettbewerb. Damit sollte sichergestellt werden, dass nur erfahrene Büros um diese Bauaufgabe konkurrieren. Architektenverbände hatten gegen diese Zugangshürden protestiert.
Das Bundesbauministerium sagt nun, vor der Erteilung des Auftrags an Stella habe man überprüft, ob er ein angemessenes Planungsteam stelle. Das sei der Fall.
Kunststück: Klar kann Stella das im Nachhinein darstellen, schließlich hat er sich nach dem gewonnenem Wettbewerb mit Hilmer, Sattler und Albrecht als Kontaktarchitekten zusammengetan. Bei den Zulassungskriterien für den Wettbewerb kam es aber auf den Zustand von vor 2008 an.
Nur eine Lappalie? Nicht ganz. Denn wenn die Recherchen der beiden Zeitschriften stimmen, könnten andere Architekten, die nicht zum Wettbewerb zugelassen waren, gegen das Ergebnis klagen. Schlimmstenfalls müsste der Wettbewerb wiederholt werden.
Das wollen die Rekonstruktionsbefürworter um jeden Preis vermeiden: Sie mauern. Niklas Maak schreibt in der heutigen FAZ: „Die Verantwortlichen scheinen nach der Devise ‚Augen zu und durch, sonst kippt das Projekt‘ zu verfahren.“ Dabei muss jetzt erst das genaue Raum- und Ausstellungsprogramm für das so genannte Humboldt-Forum entwickelt werden; eine entsprechende Arbeitsgruppe ist zur Zeit dabei. Diese Arbeitsgruppe müsse sich „nun mit Stellas Raumraster herumschlagen, als ginge es darum, einen Altbau zu füllen“, so Maak weiter. Der Wettbewerb wurde offensichtlich zu einem unsinnig frühen Zeitpunkt durchgepeitscht, um dem angeschlagenen Bauminister Tiefensee ein Erfolgserlebnis zu verschaffen.
Es bestehe die Gefahr, so Niklas Maak, dass „eine wegen Zeit- und Finanzmangels halbgare Neobarockfassade ein in ein unnötig rigides Innenraster hineingestopftes Völkerkundemuseum verbergen wird.“ Und er schließt mit den weisen Worten: „Vielleicht führt die neue Diskussion um einen kleinen Verfahrensfehler doch noch zum nötigen großen Umdenken.“ (-tze)
http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EBB27284B5C1B4B5AA1A652BE42A5641C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Einhaltung der Stereometrie des ehemaligen Schlosses (...) eine fundierte Entscheidung zwischen Barockfassade und moderner Architektur zu treffen. (Drucksache 14/9660 des Deutschen Bundestages) Erst in der verhängnisvollen Sitzung im November 2003 legte man sich auf einen Baukörper mit drei Schlossfassaden fest. Allerdings sollte man auch Folgendes bedenken: Angenommen es gäbe für beide Varianten gleich viele sachliche und fachliche Argumente dafür wie dagegen (eine Überlegung, die sogar die Befürworter nicht wirklich von der Hand weisen können wenn dem nicht so wäre, gäbe es schließlich die Debatte kaum), dann wird der gefragte Abgeordnete letztlich nach seinem persönlichen Geschmack abgestimmt haben. Das unterscheidet die Fragestellung meiner Ansicht nach grundsätzlich von denen anderer politischer Debatten. Hier hat der Bürger zumindest theoretisch die Chance, die Partei oder den Abgeordneten zu wählen, von der oder dem er im besten Falle vorher weiß, welche Position sie oder er in relevanten Sachfragen einnehmen wird. Bei dieser Frage war das praktisch nicht möglich. Die Entscheidung fand mitten in der Legislaturpriode, die zu jener Zeit durch die Irakkrise und die beginnende Rezession nach dem 11. September 2001 geprägt war. Kaum ein Abgeordneter hat sich in so einer (fast nebensächlichen Frage) jemals vorher öffentlich zu einer bestimmten Haltung bekannt. Auch ließ sich eine möglicherweise wahlrelevante Parteilinie nicht ausmachen. Tatsächlich ist das Votum parteiübergreifend ausgefallen. Ein weiteres Indiz dafür, dass hier die ganz persönlichen Geschmacksvorlieben einzelner Abgeordneter unabhängig von ihrer jeweiligen politischen Orientierung (für die wir sie ja in der Regel als unsere Stellvertreter wählen) ausschlaggebend waren. Nun frage ich mich weiter, wieviel Abgeordnete bei der Sitzung abgestimmt haben. Selbst, wenn es alle 614 gewesen sein sollten (was unwahrscheinlich ist), sind diese doch angesichts eines Volkes von 82 Millionen Menschen statistisch keinesfalls ausreichend, um einen relevanten Querschnitt zu bilden. Man möge mich nicht falsch verstehen: ich bin absolut dagegen, Fragen dieser Art groß angelegt demokratisch (womöglich als Volksentscheid) zu beantworten. Da kommt in der Regel eh nur Murcks raus. Aber man sollte wenigstens nicht so tun, als seien die privaten geschmäcklerischen Neigungen von 614 mehr oder minder aufgeklärten Laien eine angemessene und zwingende Antwort auf eine Frage von solch angeblich monumentaler nationaler Bedeutung, wie ja gerne betont wird. Wie kontrovers diese Debatte innerhalb unserer Gesellschaft (und weltweit) nämlich immer noch geführt wird, mag man anhand des erfreulicherweise ja viel breiteren demokratischen öffentlichen Diskurses ermessen. Und außerdem: man kann nicht einerseits behaupten, die Entscheidung für eine Rekonstruktion entstamme der großen Mitte unseres Volkes und anderseits postulieren, sie sei ein Votum gegen den modisch-modernen Mainstream. Massentaugliche Avantgarde? Das ist wohl ein Widerspruch in sich.