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05.09.2018

Buchtipp: Gescheiterte Visionen

Utopia + Collapse. Rethinking Metsamor: The Armenian Atomic City


Metsamor ist keine Stadt, sondern ein unerfülltes Versprechen. Das wird in dem von Katharina Roters und Sarhat Petrosyan herausgegebenem Buch „Utopia & Collapse. Rethinking Metsamor, the Armenian Atomic City“ deutlich. Das Buch erzählt die Geschichte der immer noch jungen Neustadt im Westen Armeniens, die in den späten 1960er-Jahren für die Arbeiter eines vier Kilometer entfernten Kernkraftwerks errichtet wurde. Bis zu 35.000 Menschen sollten hier ein zukunftssicheres, glückliches Leben im Schatten der Kernkrafttechnologie führen. Stadt und Kraftwerk wurden ab 1969 beinahe zeitgleich gebaut – doch während das Kraftwerk vollendet wurde, blieb die Stadt ein Torso.

„Utopia & Collapse“ beschreibt detailgenau und kenntnisreich das kurze Werden und die lange Stagnation dieser „atomograd“, die ihre geplante Blüte nie erlebte. Die Pläne stammten vom armenischen Architekten Martin Mikayelyan, der die Gebäude teilweise bis zum Türknauf und Treppengeländer zeichnete. Seine Planungen, so zeigt es dieses Buch, waren absolut auf der Höhe der Zeit. Neben den drei streng gerasterten Wohnbezirken plante er, von funkelnden Schnellstraßen getrennt, ein Stadtzentrum mit Rathaus, Hotel, Post, Pionierpalast, Sport- und Kulturzentrum. Vergleiche mit Brasilia, Le Havre oder Chandigarh hätte Metsamor nicht scheuen müssen, wenn es denn je so gebaut worden wäre.

Aber nur der erste Wohnbezirk wurde bis 1972 schnell realisiert. Der zweite wurde begonnen und die wichtigsten Bauten des Stadtzentrums errichtet. Doch ab 1972 konzentrierte sich die Bautätigkeit zunehmend auf das Kraftwerk. Der Wasserturm, der als Orientierungspunkt und Stadtkrone im Zentrum aufragen sollte, wurde nie gebaut. Ein für die Arbeiterfreizeit gedachter, künstlicher See hinter dem Sportzentrum wurde ausgehoben, jedoch nie geflutet. Bis heute erstreckt sich hier eine große staubige Grube, an deren Rand eine halbfertige Betonstruktur den geplanten Café-Pavillon und die Aussicht auf das glitzernde Wasser ahnen lässt.

Metsamor ist keine Stadt, die von einer goldenen Vergangenheit träumt. Sie hatte nie eine. In den 1980er- und 1990er-Jahren zeichnete Mikayelyan immer wieder Umplanungen, die nicht umgesetzt wurden. Das Kraftwerk wurde nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 vorläufig geschlossen und erst nach der Unabhängigkeit Armeniens wieder eröffnet. In der Zwischenzeit sank Metsamors Einwohnerzahl rapide. Jenseits des Kraftwerks gab es wenig Gründe, hier zu leben. Heute hat die Stadt noch knapp 8.000 Einwohner, nur ein Drittel arbeitet noch im Kraftwerk. Dieses wurde zwar wieder in Betrieb genommen, braucht aber weniger Arbeiter als je zuvor um noch immer 40 Prozent des armenischen Strombedarfs zu produzieren.

Metsamor ist keine Stadt, sondern eine zu groß gewordene Hülle. Vieles steht leer, das wird auf den Fotostrecken der Fotografin Katharina Roters deutlich. Das Hotel nutzt nur noch eine seiner fünf Etagen. Aus leeren Wohnungen wurde alles entfernt, was noch anderswo verwendet werden konnte. Roters Bilder leerer Flure, Hotelzimmer oder Klassenräume schwanken zwischen nüchterner Dokumentation, Ruinenromantik und einem leicht sentimentalen Gruselgefühl.

Metsamor sucht nach einem neuen Existenzgrund. Das Kraftwerk sollte ausgebaut werden, dann kam die Katastrophe in Fukushima und stoppte die neuesten Pläne. So schläft die Stadt weiter und träumt von der Zukunft, die sie einmal hatte und von der keiner weiß, ob sie jemals kommt. Auch das Buch weiß hier keinen Rat. So genau wie es die Vergangenheit und Gegenwart der Stadt betrachtet, so beredt schweigt es sich über mögliche Zukünfte aus. Das „Rethinking“ aus dem Titel kann insofern als Aufforderung verstanden werden. Nur eins ist klar: Martin Mikayelyan, der sich im Alter zunehmend der Malerei gewidmete hatte, wird keine neuen Pläne mehr zeichnen. Er starb 1997 im Alter von 71 Jahren, sein Hauptwerk Metsamor unvollendet. Es wird sich jemand anders finden müssen, der Metsamor vielleicht in seinem Sinne neu erfindet.

Text: Florian Heilmeyer

Utopia & Collapse. Rethinking Metsamor, the Armenian Atomic City
Katharina Roters / Sarhat Petrosyan (Hg.)
Park Books, Zürich 2018
Englisch
236 Seiten
ISBN 978-3-03860-094-7
48 Euro


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Buchcover

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Fotografin Katharina Roters hat für BauNetz einen Fotoessay zusammengestellt.

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Die weitgehend menschenleeren Bildpaare in Schwarz-Weiß und Farbe laden zu einem Rundgang durch Metsamor ein.

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Im Buch selbst werden auch städtebauliche und architektonische Pläne gezeigt.

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