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11.01.2023

Buchtipp: Kritik und Scheitern

Umstrittene Methoden im Umfeld des Design Methods Movement der 1960er


Die Frage nach der gesellschaftlichen Rolle von Architektur stellt sich heute genauso wie in den 1960er Jahren, als sich die Protagonisten des Design Methods Movement mit der Entwurfsmethodik in der Architektur auseinandersetzen. Die im adocs Verlag erschienene Publikation Umstrittene Methoden beleuchtet das Umfeld dieses Netzwerks, das sich rückblickend im Rahmen einer 1962 abgehaltenen Konferenz in London gründete und eine Dekade lang die Architekturdiskurse in den USA, Großbritannien aber auch in Deutschland prägte. Sie gibt dabei einen erstaunlichen Einblick in kritische Selbstreflexionen einer Architekturszene, die auf der Suche nach ihrem gesellschaftlichen Beitrag zur Selbstauflösung tendierte.

Jesko Fezer, Professor für Experimentelles Design an der HFBK in Hamburg, zeichnet in dieser Überarbeitung seiner Dissertation Umstrittene Methoden. Architekturdiskurse der Verwissenschaftlichung, Politisierung und Partizipation im Umfeld des Design Methods Movement der 1960er Jahre die politischen und gesellschaftlichen Disruptionen ebenjener Zeit aus der Sicht damaliger Architekturdiskurse nach. Daraus ergibt sich eine faszinierende Perspektive auf Auseinandersetzungen, die sich vor dem Hintergrund kybernetischer Planung sowie den 68er-Protesten abspielten.

An der HfG Ulm beispielsweise unterrichteten in dieser Zeit neben Gestaltern auch Mathematikprofessoren wie Horst Rittel. Ihr Anliegen war es, den Prozess des Gestaltens zu verwissenschaftlichen und in eine Entwurfsmethodik zu überführen. Die Phase der Verwissenschaftlichung in der Architektur beeinflusste dabei auch maßgeblich die Gründung der Zeitschrift ARCH+, deren erste Jahrgänge diverse Autoren aus diesen Kreisen veröffentlichen. In der Praxis allerdings stößt die Entwurfsmethodik an ihre Grenzen: Die Protagonisten realisierten, dass sie die gesellschaftliche Komplexität des Wohnens verkannt hatten.

Und so lautet Fezers These: Die sich zu der Zeit entwickelnde Politisierung in der Architektur war nicht nur Resultat der gesellschaftlichen Umbrüche um 1968, sondern auch der Verwissenschaftlichung selbst. In der Folge gerieten die Bedürfnisse von Nutzer*innen in den Fokus: Im Rahmen partizipativer Planungen werden die Nutzer*innen nicht nur als Informationsgeber*innen innerhalb wissenschaftlicher Methoden verstanden, sondern werden selbst zu zentralen Akteuren. Als Beispiel dient die sogenannte Anwaltsplanung: Architekt*innen sahen ihre Rolle nunmehr darin, die Anliegen von Bewohner*innen zu vertreten und entwickelten gemeinsam kritische Gegenkonzepte zur Stadtplanung der 1960er Jahre wie beispielsweise das Architect’s Renewal Comittee in Harlem, New York.

Letztlich scheiterten die Protagonisten der Bewegung vor allem an ihren eigenen Ansprüchen und verloren gegenüber der aufstrebenden nächsten Generation ihre Diskurshoheit. Gebaut jedenfalls wurde nur wenig. Dass sie dennoch einen wichtigen Referenzpunkt bilden, begründet Fezer in ihrer konsequenten Selbstkritik. In Anbetracht des heutigen Aufstiegs von Entwurfsplanung mithilfe künstlicher Intelligenz sowie der verstärkten Einbindung von Partizipation in städtische Planungsprozesse eröffnet der Blick zurück neue Perspektiven.

Text: Sara Lusic-Alavanja

Umstrittene Methoden. Architekturdiskurse der Verwissenschaftlichung, Politisierung und Partizipation im Umfeld des Design Methods Movement der 1960er Jahre
Jesko Fezer
Gestaltung: Matthias Görlich, Marcel Strauß
576 Seiten
adocs, Hamburg 2022
ISBN: 9783943253580 
39 Euro


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