Betonfachwerk und Glasausguck
Umbau in Schorndorf von Sigrid Hintersteininger Architects
Im östlich von Stuttgart verlaufenden Remstal zeugen in vielen Ortschaften historische Keltergebäude von der Weinbautradition der Region. So auch in Miedelsbach, das zur Stadt Schorndorf gehört. Hier wurde vor kurzem die historische Alte Kelter nach langem Leerstand als Bildungsstätte und Bürgerhaus reaktiviert. Geplant und in den Leistungsphasen 1 bis 8 betreut wurde der Umbau vom Stuttgarter Büro Sigrid Hintersteininger Architects.
Als Bauherrin tritt die Unternehmensgruppe Arnold Glas unter Leitung von Hans-Joachim Arnold auf, dessen Vater die auf Isolierglas spezialisierte Firma 1959 in dem Fachwerkbau gegründet hatte. Sie wird nun in dem für eine multifunktionale Nutzung optimierten Gebäude die Arnold Akademie betreiben. Zugleich steht das Haus der Gemeinde als Treffpunkt und Veranstaltungsort zur Verfügung.
Der Umbau setzt auf eine Kombination vorhandener Bausubstanz mit neuen Materialien und Einbauten, sodass zum einen der historische Charme der Alten Kelter bewahrt bleiben soll, zum anderen ein flexibel bespielbares und zeitgemäßes Haus entstand. Alle noch funktionstüchtigen Bestandsbauteile, darunter der alte Kehlbalkendachstuhl, wurden erhalten und ertüchtigt. Das stark in Mitleidenschaft gezogene Holzfachwerk des Erdgeschosses hingegen ließ sich nicht mehr instand setzen. Stattdessen fügten die Architekt*innen einen Sichtbetonsockel ein, dessen Fachwerkprägung an die ursprüngliche Fassadenansicht erinnert.
Das Innere präsentiert sich als hohe Halle mit offenem Gebälk, in die eine zweigeschossige Raumbox aus Sichtbeton und Glas eingestellt wurde. Diese nimmt im Erdgeschoss Sanitär-, Lager-, Technik- und Küchenräume auf. Über eine integrierte Treppe gelangt man auf die Galerie, wo sich ein Loungebereich befindet.
Die Ganzglaskonstruktion durchbricht das alte Dach wie ein Ausguck und belichtet so auch den Kelterraum. Für ihre Realisierung waren Eingriffe in die Konstruktion des historischen Dachstuhls erforderlich. Zwei bestehende, statisch wirksame Querbalken wurden durchtrennt und die Zugbänder des Holzdachstuhls mittels neuer Stahlrahmen-Zugbänder geschlossen. Eine Akustikverkleidung an der Dachunterseite verhindert überdies störende Schalleffekte im Raum. (da)
Fotos: Brigida González
...ich finde es gut so selbstbewust auch mal abschreckende Beispiele zu präsentieren um zu zeigen, wie es niemals sein sollte. Ein Architekt hat die Aufgabe auch priv. Bauherren vor dem Schlimmsten zu bewahren!
Nicht jedes "alte Haus" steht unter Denkmalschutz - wie zu lesen ist, wurde das Gebäude nach langem Leerstand reaktiviert. Aus Erfahrung weiß ich, dass es bei solchen Objekten meist heißt Abriss! Stattdessen wurde das nicht mehr zu rettende Erdgeschoss sichtbar erneuert und nimmt Bezug zur Fachwerkansicht. Sehe hier nicht die Banalität oder das sinnfreie Replikat. Die Glasboxen hat sich mit Sicherheit der Bauherr gewünscht, der eine Isolierglasfirma leitet. Vielleicht findet das der ein oder andere Architekt zu viel und unnötig, aber wenn man für private Bauherren baut ist es auch immer ein Miteinander. Außerdem stellt der Bauherr das Gebäude der Gemeinde zur Verfügung, was nicht nur einen gemeinschaftlichen Mehrwert bietet, sondern natürlich auch für den Bauherren Werbung bedeutet. Gefällt euch vielleicht nicht. Andere Büros hätten die Fluchttreppe evtl mit Photoshop entfernt. Aber auch hier sehe ich das Problem nicht. Meiner Meinung nach ist es ein schönes privates Objekt in einem kleinen Ort mit Mehrwert. Es ist oft schon schwer genug etwas beim Bauamt genehmigt zu bekommen, was keine 0815 WDVS Fassade und Fenster in Reih und Glied hat.
wie ich glaube zu verstehen ist allein der recht banale Dachstuhl zum Teil alt und sollte erhalten werden. der rest ist überfrachtete bastelei. aber der bauherr durfte als "spender" scheinbar alles um sich zu verwirklichen. am schlimmsten sind die völlig unproportionierten glaskisten .....
Etliche unüberlegte Bereiche, die dann im Bau gelöst werden musste, beispielsweise die Dachtreppe aus Fluchtgründen, die Abgasrohre, Zwangspunkte mit dem Dachstuhl, gnadenlose Detaillösungen am Bereich Gaube/Dachfläche. Die Symmetrie der geneigten Dachform wird vollkommen zerstört und es entsteht ein sehr unharmonischer Veranstaltungsraum mit einer Bühne an der falschen Seite (nämlich am Eingang?) An Architekturschulen wäre das nicht bestanden...
So wäre ja ein Neubau besser gewesen als dieses sinnfreie und groteske Replikat. Sehr ungekonnter und wenig sensibler Umgang mit historischer Substanz. Das können nicht mal die Bilder retuschieren. Eine Schande für unsere Zunft...