Modulbau und Wildwuchs
Studentenwohnheim in Göttingen von LIMA Architekten
Noch kontrastiert die strenge Fassade mit dem Wildwuchs der umliegenden Brachen. Das ist natürlich gerade in der Abendsonne ein schöner Effekt. Man darf vermuten, dass die Bewohner*innen des Studentenwohnheims Lutterterrasse in Göttingen den umliegenden Freiraum irgendwann in der Zukunft gut zu nutzen wissen. Die rigide Fassade des Anfang 2020 fertiggestellten Neubaus, der von LIMA architekten entworfen wurde, ist kein Selbstzweck. Sie ergibt sich aus der Konstruktion als Holzmodulbau, der in Zusammenarbeit mit Kaufmann Bausysteme aus Österreich umgesetzt wurde. Das Stuttgarter Büro konnte im vergangenen Herbst bereits ein gelungenes Vorhaben für die Stadtwerke Leinfelden-Echterdingen fertigstellen.
Das Projekt auf dem Nord Campus der Universität geht auf einen Wettbewerb zurück und wurde – bekanntlich ein großer Vorteil der gewählten Bauweise – innerhalb von nur 13 Monaten errichtet. Der Fünfgeschosser mit seinen knapp 10.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche steht am südlichen Rand des Geländes. Entstanden ist das Projekt als erster Neubau des örtlichen Studentenwerks seit fast 30 Jahren. Die Grundrisse spiegeln die Präferenzen der heutigen Studierendengeneration wider: Umgesetzt wurden hier ausschließlich Einzelapartments mit Pantryküche von je 18 Quadratmetern, insgesamt 264 an der Zahl. Größere WG-Partys müssen also ausfallen. Im Erdgeschoss gibt es zumindest einen Gemeinschaftsraum mit Kochgelegenheit und angrenzender Terrasse. Außerdem findet man hier ein großes Foyer, weitere gemeinschaftliche Nutzungen, vier barrierefreie Wohneinheiten und 270 offene Fahrradstellplätze.
Das Erdgeschoss mit seinen schlanken Stützen bildet einen Betontisch, auf den die einzelnen Zimmermodule vier Stockwerke hoch direkt übereinandergestapelt sind. Jedes Modul aus Brettsperrholz wurde inklusive der Möbel komplett vorgefertigt, im Takt von zwei Einheiten pro Tag angeliefert und montiert. Betonkerne und Flure aus Betonfertigteilen erschließen die gestapelten Module, die zu den Außenseiten des Blocks ebenso wie zum Hof orientiert sind. Die Fassaden wurden vor Ort mit Aluminiumpaneelen verkleidet.
Der Wildwuchs der südlich des Wohnheims gelegenen Brachen ist übrigens nicht grundsätzlich bedroht. Zwar sind hier laut Bebauungsplan Gewächshäuser für den benachbarten, seit 1967 bestehenden Experimentellen Botanischen Garten vorgesehen. Doch sollen entsprechend seines Forschungsauftrags, die „Entwicklung einheimischer Pflanzengesellschaften mit und ohne Kulturmaßnahmen“ (Wikipedia) zu untersuchen, auch größere Flächen als Baum- und Strauchpark erhalten und erweitert werden. Der Feldhamster, der vor den jungen Leuten das Areal des Studentenwohnheims besiedelte, wird es zu schätzen wissen. (sb)
Fotos: Brigida González, Achim Birnbaum
56 Stellplätze auf 264 Bewohner*innen sind völlig adäquat, wenn man sich mal anschaut, wie viele Studierende in Deutschland ein Auto haben. Was Gemeinschaftsräume angeht ich habe in Kanada in einem Wohnheim mit 1000 Einzelzimmern gewohnt, und man soll sich keine Illusionen darüber machen, wie viel oder wenig Bedarf an "Gemeinschaftsräumen" es da gibt. (Die dort zur Verfügung stehende Gemeinschaftsetage mit gigantischem Küchenbereich war tendenziell völlig überdimensioniert.) Die Leute haben ihr Leben außerhalb des Wohnheims. Das Innenleben der Appartements ist die konsequente Weiterentwicklung des klassischen deutschen Studentenwohnheimzimmers mit Einbaumöbeln (ich habe das im Marburger Studentendorf erlebt, was quasi der Prototyp war). Rein funktionell gibt es da m.E. nichts einzuwenden.
Wird da der Individualisierung und Zerstückelung unserer Gesellschaft Vorschub gegeben? Wer in dem Gebäude nicht verrückt wird, wird sicher später einen Vorstandsposten in einem großen Unternehmen ergattern...
Aber das Konzept ist sehr Fragwürdig; ein "Gemeinschaftsraum" im EG für so viele Bewohner? Da hätte man doch die Pantrys in den Appartments rausschmeißen und 10 bis 18 Gemeinschaftsküchen je Etage Planen sollen. Dann wäre aus einem autistischen Nebeneinander ein kommunikatives Miteinander werden können...