Produktiver Sockel
Stadtblöcke in Brüssel von XDGA
Das Projekt 260 City Dox in Anderlecht, das zur Metropolregion Brüssel gehört, erinnert ein wenig an die Träume der Moderne aus dem 20. Jahrhundert: von einer Stadt, die aus mehreren Ebenen besteht und den Menschen auf ein erhöhtes Podium über die verschiedenen Verkehrsarten und Produktionsstätten erhebt. Realisiert wurde das Neubauensemble von XDGA (Brüssel), die für ihren Entwurf den 1. Preis im 2019 durchgeführten Wettbewerb erhalten hatten. In Anderlecht finden sich bereits andere Projekte, die auf diese Weise das in der „Neuen Leipzig-Charta 2020“ verankerte Leitbild der produktiven Stadt umsetzen.
Am nordöstlichen Stadtrand, wo die Kommune fast nahtlos in Brüssel übergeht, erstrecken sich alte Industriegebiete entlang des schnurgeraden und nur selten malerischen Kanals Brüssel-Charleroi. Sie werden aktuell Schritt für Schritt transformiert, am Kanal entsteht eine öffentliche Grünfläche. Zwei von drei Grundstücken beplanten XDGA für den privaten Immobilienentwickler Atenor neu, das dritte wird von B-architecten (Antwerpen) und Veld. (Brüssel) bearbeitet.
XDGA füllten die beiden 3.600 Quadratmeter großen Parzellen mit jeweils einem massiven, tiefen Gewerbesockel, in dem „produktive Aktivitäten“ versammelt werden sollen. Von Werk- und Produktionsstätten über Supermärkte und Geschäfte bis zu Ateliers und Lagerhallen ist in dem 6,75 Meter hohen, hallenartigen Raum, der von drei Service-Kernen eher locker strukturiert wird, einiges vorstellbar.
Über diesem Sockel liegt eine offene Etage, die als Abstellfläche für Autos dient. Oberhalb davon stehen jeweils drei unterschiedlich gestaltete Wohngebäude: ein langer, zweigeschossiger Riegel und zwei Turmbauten, der eine mit sieben, der andere mit 13 Etagen. Die Parkhausebene dient dabei auch als Pufferzone, um Lärm, Gestank oder Vibrationen aus dem Sockel von den Wohnungen fernzuhalten. Dadurch sei eine „harmonische Koexistenz“ von Wohnen und Arbeit gesichert, so das Büro. Das Dach des Sockels über dem Parkhaus ist bei beiden Blöcken als kleiner Stadtgarten für die Bewohner*innen gestaltet.
XDGA erklären, dass es bei dem Projekt einerseits darum ging, auf der Makroebene zwei kräftige, urbane Figuren zu entwickeln, die in der postindustriellen Transformationslandschaft am Kanal bestehen können. Andererseits sollte diese Figur auf Mikroebene Diversität zulassen. Deswegen seien die drei Wohnhäuser auf dem gemeinsamen Sockel jeweils betont unterschiedlich gestaltet worden. Jedes bekam seine eigenen Fassadenmaterialien, Fensterrhythmen und Farben. Auf dem benachbarten Sockel werden diese Fassaden getauscht: Dort hat auf einmal der siebengeschossige Turm die dunkle Natursteinfassade, die nebenan den langgestreckten Riegel umhüllt. So wird ein Zusammenhang deutlich, ohne dass die beiden Kolosse deswegen wie monotone Klone wirken.
Insgesamt bieten die zwei neuen Stadtblöcke etwa 25.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Wie „produktiv“ ihre Sockel künftig sein werden, wird sich erst beurteilen lassen, wenn sie von Betrieben besiedelt wurden. Der Investor verkündet derweil froh, dass 97 Prozent aller Apartments in den drei Blöcken bereits verkauft sind. (fh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- XDGA
- Mitarbeit Wettbewerbsentwurf:
- Xaveer De Geyter, Karel Bruyland, Vincent Blactot, Rémy Carat, Antoine Chaudemanche, Beatrice Colaiacomo, Marie Debraine, Jan Krupicka, Gaspard Leveque, Anne-Sophie Rouillère, Dana Smetankova, Emma Vanhille, Rui Zenha
- Mitarbeit finaler Entwurf:
- Xaveer De Geyter, Karel Bruyland, Beatrice Colaiacomo, Catherine Cornu, Hanne Defloor, Nicolas Duerinck, Nenad Duric, Jan Krupicka, Anne-Sophie Rouillère, Hannelore Thomas, Willem Van Besien
- Statik:
- CSD engineers
- Akustik:
- D2S
- Bauherrschaft:
- Atenor
- Fläche:
- 25.000 m² Bruttogrundfläche
Mehr zur vertikalen Nutzungsmischung von Produktion, Gewerbe und Wohnen in der BauNetz WOCHE #665: Stadtunterbau