Geometrische Lernerfahrung
Schule von Schulz und Schulz in Regensburg
Die klassische Moderne der Zwanzigerjahre, mit ihren klaren kubischen Formen, ihren horizontalen Gliederungen und ihrer präzise Materialwahl, hat es Schulz und Schulz (Leipzig) angetan. Das ist spätestens seit ihrer preisgekrönten St. Trinitatis Kirche in Leipzig bekannt. In Regensburg bauten die Architektenbrüder auf dem Konversionsgebiet einer ehemaligen Bundeswehrkaserne nun eine berufliche Oberschule. Die Architektur dieses Gebäudes für 1.400 Schüler und 120 Lehrer ist ganz bewusst auf ein Vorbild aus dem Bauhaus-Umfeld bezogen: die Gewerkschaftsschule von Hannes Meyer in Bernau von 1930.
Wie Meyer fächern auch Benedikt und Ansgar Schulz den Bau der Berufsoberschule aus einzelnen, sich wiederholenden Baukörpern zu einem verspringenden Riegel auf, der in Regensburg eine Länge von 150 Metern erreicht. Meyer nutzte viergeschossige Kuben, bei der Neuinterpretation sind es nun viergeschossige Winkel. Während Meyer seine weitaus kleineren Würfel versetzt anlegte, bleiben die drei großen Volumen in einer Flucht. Jedoch folgen sie in Regensburg der Hanglage des Gelände und sind leicht abgetreppt. Innen greifen die Architekten diesen Höhenunterschied mit Zwischengeschossen auf.
Selbst pädagogisch lassen sich Parallelen zu Hannes Meyer finden. Meyer war als kurzzeitiger Direktor des Bauhauses bekanntlich Anhänger einer reformierten Lehre, neue Lern- und Lehrmethoden werden aber auch in Regensburg aufgegriffen: Die einzelnen Gebäudewinkel formulieren Zonen, die jeweils einem Lehrbereich der Oberschule zugeordnet sind. Ein langer Gang, oder schöner: eine „Promenade“, verbindet die drei Bereiche Technik, Wirtschaft und Soziales. Zwischen Lehrzimmern und Erschließungsweg richteten Schulz und Schulz offene Lern- und Kommunikationsräume mit Sitzen und Tischen ein, die zugleich zum ruhigen Hofbereich orientiert sind. Alles in allem lässt sich dieses Raumkonzept unter dem derzeit wieder modernen Begriff der „offenen Lernlandschaft“ zusammenfassen, auch wenn die Gestaltung in ihrer Strenge deutlich zeitloser ist.
Durch den Bau zieht sich eine – man kann es schon sagen – für das Leipziger Büro typische Akkuratesse und geometrische Ordnung. Außen wird diese durch das besondere Ziegelformat der Fassade nochmals hervorgehoben. Die grau-beigen Klinkersteine sind mit 34 x 7,5 Zentimeter flacher als üblich und dehnen den Bau subtil in die Horizontale. Alle Anschlusspunkte wie Fensterlaibung, Fenstersturz, Fensterbank und Attika sind ebenfalls in diesem Klinker ausgeführt und fallen durch ihre präzise Ausarbeitung auf. Zusätzliche Akzente durch andere Materialien wären da schlicht überflüssig gewesen. (sj)
Fotos: Stefan Müller-Naumann
Und hier liegt, für mich das eigentliche Ärgernis dieser Meldung; präzise nämlich an der, arg an den Haaren herbeigezogenen, Marketing-Prosa um Hannes Mayer. Die in meinen Augen einzig wirklich sichtbare Parallele zu Bernau ist die Modulwiederholung. Material, Licht, Farbe, Fensterformate und Fassadenvariation? Nirgends eine echte Variation des angeblichen Vorbilds. Ich weiß, ich weiß: Brandschutz, TGA, EnEV, Dienst-nach-Vorschrift-Behörden und der Verlust der handwerklichen Kompetenz der Bauindustrie, alles nicht so einfach. Stimmt auch. Aber ein (im eher positiven Sinne) einfaches Schulgebäude hier als Wiedererweckung der klassischen Bauhaus-Moderne zu deuten ist etwas, naja, albern. Ein "langer Gang" wird noch längst nicht zu einer "Promenade", nur weil man ihn als solche bezeichnet.
Solch einen Bauherrn möchte ich auch einmal haben, kein Attikablech, keine Blechsohlbank, einfach nur Stein! Herzlichen Glückwunsch
Fragt doch mal die Schüler - vorher. Lasst sie Teil des Preisgerichts sein. Ich glaube, es gibt noch viele Möglichkeiten zwischen Zen und Zinnober.