Neues Leben in Schloss Schwarzburg
Sanierung von Tectum in Thüringen
Erstmals seit 80 Jahren ist das Hauptgebäude von Schloss Schwarzburg in Thüringen wieder begehbar. Bei dem am 15. Juli eröffneten Denkort der Demokratie handelt es sich nicht um ein abgeschlossenes Sanierungsprojekt, sondern um eine Initialzündung für den Ausbau der stark zerstörten barocken Anlage auf dem Felsen über dem Schwarzatal. Dass darin nun zwei Säle für Veranstaltungen mit maximal 300 Personen zur Verfügung stehen, ist das Ergebnis einer guten Zusammenarbeit zwischen der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, die die Anlage Mitte der 1990er Jahre übernahm, der IBA Thüringen, die das Projekt vorantrieb, der Gemeinde Schwarzburg und des Weimarer Büros Tectum. Mit nicht mehr als 2,25 Millionen Euro, die jeweils zu einem Drittel über die IBA vom Freistaat Thüringen, von der Stiftung und aus dem Sonderprogramm Nationale Projekte des Städtebaus kommen, wurde hier Bemerkenswertes geleistet.
Das Bild, welches sich den Besucher*innen bietet, ist alles andere als gefällig, zeigt es doch die Spuren einer außergewöhnlichen Schlossgeschichte. Hier befand sich einst der Stammsitz eines der ältesten Adelsgeschlechter Thüringens, das die mittelalterliche Burganlage zum repräsentativen Barockschloss ausgebaut hatte. Hier unterzeichnete Friedrich Ebert nach dem Ende der Monarchie in Deutschland 1919 die erste deutsche demokratische Verfassung, hier rissen die Nationalsozialisten Anfang der 1940er Jahre Wände, Zwischendecken und einen ganzen Flügel ab, als sie das Schloss zum Reichsgästehaus umbauen wollten – und hinterließen eine Ruine, die zu DDR-Zeiten nur notdürftig erhalten wurde.
Seit den 2010er Jahren wurden einzelne Teile sukzessive gesichert, ein Wettbewerb suchte 2012 ein Nutzungskonzept für das Schloss. Die siegreiche Idee des Weimarer Büros Tectum bestand darin, die Zeitschichten in den Räumen sichtbar zu lassen: die Abbruchkanten und Entlastungsbögen ebenso wie die in den Putz geritzten Gedanken der Menschen, die sich in den 1960er Jahren Zutritt zur Ruine verschafft hatten; den Mix aus Schiefer und Mörtel; das brachial eingefügte Mauerwerk und die Betonträger, die die Reste stützen. Die Herausforderung bestand also vor allem darin, mit vergleichsweise minimalem Budget in dem ruinösen Gebäude zunächst zwei Räume für öffentliche Veranstaltungen herzurichten.
Dafür mussten das Tragwerk bis in die Kellergeschosse hinab ertüchtigt, der 2017 errichtete Treppenturm ausgebaut und ein zweiter Fluchtweg über eine Brücke im Schlossturm eingerichtet werden. Der Emporensaal setzt sich aus ehemals acht Räumen der fürstlichen Familie zusammen. Die radikale Entkernung der 1940er Jahre hatte hier ein riesiges Raumvolumen hinterlassen. Die neue Empore verbindet als Ringanker die Außenwand mit dem Gebäude und bietet 50 Personen Platz. Auch der Ahnensaal, der einstige Hauptsaal der Schwarzburg, kann wieder genutzt werden. Restaurator*innen haben Wandstuck und Deckenstruktur komplett überarbeitet, die Medientechnik ist im neuen Doppelboden integriert. Einige Fenster wurden in historischer Teilung und Profilierung wiederhergestellt. Ein Anfang ist gemacht für Schloss Schwarzburg. Rund 300 Personen können hier nun Konzerten lauschen und über zeitgenössische Themen diskutieren – oder auch über die Pläne eines monströsen Hotelprojekts, für das ein Investor in dem kleinen Ort Schwarzburg derzeit auf Stimmenfang geht. (fm)
Etwas mehr Pragmatismus und Kreativität von allen Seiten wäre durchaus hilfreich. Das ganze natürlich unter der Maßgabe, nicht der Bausubstanz zu schaden. Beim vorliegenden Objekt, beispielsweise, wird allein die Dacheindeckung mindestens 100.000 Euro gekostet haben. Sieht natürlich hübsch aus und entspricht annähernd der bauzeitlichen Gestaltung. Hätte man aber auch in abstrahierter Form als Metalldach für ein fünftel der Summe machen können und es eine zeitgenössische, meinetwegen temporäre Interpretation nennen können. Und das ohne Substanzverluste oder fiese Verbundbaustoffe. Nur so als Idee. Das lässt sich aber nicht immer vermitteln (dem gemeinen Betrachter oder dem akademisch agierenden Denkmalschutzbeamten). In den Innenräumen dürfen es dafür dann aber die sichbaren Zeitschichten sein, da muss man nämlich keine Entscheidung treffen und verstehen tun es inzwischen auch die meisten.
Und ebenso tatsächlich läßt die überzogene Architektursprache jede Sensibilität gegenüber dieser Landschaft vermissen. Das Projekt erinnert sehr an einige Projekte der 70er Jahre, die der Landschaft ihren Stempel brutal aufdrückten, was die Halbwertszeit ihrer "Erfolgsgeschichten" nicht gerade verlängerte. Freilich trägt die simple Grafik der Perspektiven nicht gerade zu einem besseren Verständnis des Projektes bei. Ich hoffe, dass die Wirkung des Schlosses, von dieser Intervention unbelastet bleibt.
dann lieber keinen "neuanfang", bevor man sich so selbst kaputt macht!