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https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Sanierung_der_Alsterschwimmhalle_in_Hamburg_von_gmp_und_sbp_8439883.html

28.11.2023

Unter dem Schmetterlingsdach

Sanierung der Alsterschwimmhalle in Hamburg von gmp und sbp


Das schmetterlingsartige Dach der Alsterschwimmhalle ragt bis zu 24 Meter in die Höhe. Ob die beeindruckende, aus zwei hyperbolischen Paraboloidschalen bestehende Konstruktion erhalten bleibt, war lange ungewiss. Die Erleichterung, dass gmp und schlaich bergermann partner das gerade mal acht Zentimeter dünne Dach retten konnten, ist vor allem der Bauherrschaft vom Bäderland Hamburg deutlich anzumerken. Noch dazu wurden Kosten- und Zeitrahmen eingehalten. Nach dreijähriger Sanierung konnte die Alsterschwimmhalle am gestrigen Montag, 27. November wiedereröffnen. BauNetz war zu Besuch.

Von Dorit Schneider-Maas


Für die verantwortlichen Büros gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner (Hamburg) und schlaich bergermann partner (Stuttgart) war es in vielerlei Hinsicht ein Heimspiel. Nicht nur konnte das Hamburger Büro gmp damit ein Projekt in seiner Heimatstadt realisieren. Auch lässt sich ein ganz persönlicher Bezug ausmachen: Der 2021 verstorbene Jörg Schlaich, Gründer von schlaich bergemann partner (sbp), verantwortete nämlich im Wesentlichen die Tragwerksplanung der 1973 eingeweihten Schwimmhalle – damals noch als Planer bei Fritz Leonhardt und Wolfhardt Andrä.

Fast schon ein wenig absurd klingt es, dass sogar die damaligen Studenten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg einen Entwurf bei dem 1961 von den Hamburger Wasserwerken ausgelobten Wettbewerb einreichten. Den Zuschlag erhielten schließlich Horst Niessen und Rolf Störmer, die für ihr Konzept (zu Beginn noch ohne Schalendach) mit Walter Neuhäusser jene berühmte Schalenkonstruktion entwickelten.

Gerettetes Dach


Das 50 Jahre alte Schalendach gehört heute zu den weltweit größten Konstruktionen dieser Art. Mit dem Erhalt eines solchen Daches beschäftigen sich gmp derzeit auch in Magdeburg, wo sie seit 2020 Ulrich Müthers Hyparschale sanieren. Während die Baustelle dort einige Überraschungen bereitzuhalten scheint, wirkt das Hamburger Projekt, dessen Kosten mit 80 Millionen angegeben werden, geradezu unkompliziert. Trotzdem sei lange unklar gewesen, ob und wie man das Dach erhalten könne, sagt Projektleiter Tim Leimbrock von gmp. Noch im Jahr 2014 wurden Abriss und Neubau in Betracht gezogen. In Kooperation mit schlaich bergermann partner erstellte gmp damals eine Machbarkeitsstudie und sicherte so letztendlich den Erhalt des Dachs.

Zweifachverglasung und
Korrosionsschutz-System

Für die Sanierung wurde die komplette, aus zahlreichen Dreigurtstützen bestehende Unterkonstruktion entfernt, sodass nur noch die auf drei Punkten aufsitzende Dachschale stehen blieb. Damit stellte man quasi den Zustand der ursprünglichen Baustelle wieder her. Eine besondere Herausforderung lag in der Stabilisierung des Stahlzugbands, das zwei der drei Auflagerpunkte unter der Halle verbindet. Während der Bauarbeiten wurde dieses Band unter anderem durch eine bei Erschütterung reagierende Alarmanlage gesichert.

Da die Fassade aus Aluminium-Fachwerkstützen das Gewicht einer Dreifachverglasung nicht hätte tragen können, habe man auf eine Zweifachverglasung zurückgreifen müssen, erklärt Leimbrock. Außerdem entwickelten gmp und sbp gemeinsam mit Implenia Fassadentechnik ein sogenanntes Teleskop-Kolben-Auflager, um die Schwingungen der Dachflächen auszugleichen. Damit das Dach gegen Korrosionsschäden durch aufsteigendes Chlor, hohe Luftfeuchtigkeit und warme Temperaturen im Schwimmbad geschützt wird, installierte man ein Kathodisches-Korrosionsschutz-System (KKS). Dieses versorgt das Dach mit Schwachstrom.

Abriss und Erweiterung

Weichen mussten unter anderem eine Rutsche und das Außenbecken. Das hänge vor allem mit der Ausrichtung des Bades zusammen, das sich an Sportler*innen richte, sagt Ingo Schütz, Projektleiter Finanzen beim Bäderland. Nun können die Schwimmer*innen in insgesamt fünf Becken Bahnen ziehen. Im sogenannten Infinity-Pool lässt sich leicht erhöht ein entspanntes Bad sowie die Aussicht auf die gesamte Halle genießen. Erhalten und saniert wurden das 50-Meter-Becken, der Zehn-Meter Turm und der Fitness-Kubus. Der nördlich angrenzende Anbau wurde abgerissen und durch einen flachen Neubau ersetzt. Dort entstand neben einem 25-Meter-Becken und einem Kursbecken auch ein barrierefreier Eingangsbereich. Insgesamt wurde die bisherige Wasserfläche so um rund ein Viertel vergrößert. Damit habe man gut die Hälfte der gesamten Innenfläche neu gebaut, so die Architekt*innen.

Im Ergebnis wirkt das Innere, das in den letzten Jahren mehrere Farbschichten und verschiedenste Einbauten gesehen hat, nicht nur viel heller, sondern auch wesentlich aufgeräumter. Das liegt vor allem am Abriss der Zuschauertribüne, die zuvor eine Fassadenseite in Teilen verdunkelte. Anstelle der Tribüne wurde ein neues Sprungbecken geschaffen. Weitaus weniger spektakulär, aber dennoch erwähnenswert sind die zahlreichen Details, die teilweise aufwendig restauriert wurden. Dazu gehört nicht nur der Sprungturm, der nun ungenutzt, ähnlich einer Skulptur in die Höhe ragt. Ebenso wurden die Handläufe wiederverwendet, und auch die Akustik-Ziegel, die im Laufe der Jahre mehrfach überstrichen worden waren, konnten gereinigt und wieder eingesetzt werden.

Neuer Eingang


Früher betrat man die Alsterschwimmhalle über eine repräsentative Außentreppe, um dann über die wieder nach unten führenden Treppen zu den Umkleiden zu gelangen. Durch den Abriss der Treppe und die Verlegung des Eingangs wurde ein barrierefreier Zugang geschaffen. Über einen kleinen Vorplatz gelangen die Besucher*innen nun ebenerdig in die Umkleideräume und von dort aus direkt in die Halle. Außerdem kann dadurch das östlich angrenzende Wohnquartier zu einem verkehrsberuhigten Bereich ausgebildet werden. Die neu geschaffene fußläufige Durchwegung in Ost-West-Richtung verbinde das Wohnquartier mit der Innenstadt, so gmp.


Zum Thema:

Die spektakuläre Dachkonstruktion der Alsterschwimmhalle wurde auch im Ingenieurbauführer Hamburg veröffentlicht.


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Zu den Baunetz Architekt*innen:

gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner


Kommentare:
Kommentar (1) lesen / Meldung kommentieren

Im Inneren bleibt die spektakuläre Dachform sichtbar.

Im Inneren bleibt die spektakuläre Dachform sichtbar.

Für die Sanierung wurde der komplette Bau enkernt.

Für die Sanierung wurde der komplette Bau enkernt.

Die Zuschauertribüne wurde entfernt, sodass die zuvor teilweise verdunkelte Glasfassade noch mehr Helligkeit ins Innere bringt.

Die Zuschauertribüne wurde entfernt, sodass die zuvor teilweise verdunkelte Glasfassade noch mehr Helligkeit ins Innere bringt.

Nicht nur die Wasserflächen, sondern auch die Fitnessbereiche wurden vergrößert.

Nicht nur die Wasserflächen, sondern auch die Fitnessbereiche wurden vergrößert.

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