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18.11.2020

Buchtipp: Architekt im Widerstand

Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste


Der Rezensent hat in seinem Berufsleben gefühlt 150 Biografien von Architektinnen (leider wenige) und Architekten des 20. Jahrhunderts gelesen, viele davon auch besprochen. Das sei gleich vorneweg gesagt: Diese hier ist die spannendste von allen!

Solche Biografien gehen meistens aus einer Dissertation hervor; indirekt ist es auch bei dieser so. Deshalb reicht es oft, die Einleitung („Problemstellung“) und das Fazit („These“) zu lesen, sich dann diagonal durch den Text zu scrollen und anhand der Bilder eine Vorstellung vom Werk des Protagonisten zu machen. Doch Architekt im Widerstand. Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste von Eduard Kögel will in Gänze gelesen werden. Sie ist ein echter Page-Turner, wie man bei Krimis sagt. Denn wir befinden uns hier quasi in einem historisch konnotierten Geheimdienst-Thriller mit unzähligen politischen und persönlichen Verstrickungen, exotischen Schauplätzen und herben Schicksalsschlägen.

Von dem 1903 geborenen Architekten Rudolf Hamburger – der wie viele seiner avantgardistisch orientierten Zeitgenossen in Berlin bei Hans Poelzig studierte – hat man bisher kaum etwas gehört. Seine bedeutendsten Bauten entstanden denn auch in der ersten Hälfte der 1930er Jahre in Shanghai. Man kann es durchaus so sagen: Hamburger hat die klassische Moderne nach China gebracht. Doch seine Entscheidung, 1935 die bürgerliche Existenz im damals kapitalistischen China aufzugeben, um seiner Frau, einer sowjetischen Agentin, aus Gründen der Tarnung zu ihren internationalen Einsatzorten zu folgen, schadete seiner Archietktenkarrriere nachhaltig: „Nie wieder sollte Rudolf Hamburger so starke architektonische Mittel finden wie jene, die er in seinen ersten Jahren in Shanghai entwickelt hatte.“, schreibt Kögel.

In Hoyerswerda war er Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre glücklos mit dem Aufbau der „Zweiten Sozialistischen Stadt“ befasst. In dieser Rolle wurde er zum literarischen Vorbild einer resignierten Architektenfigur im Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann. Gleichzeitig verpflichtete er sich gegenüber der Stasi zu Spitzeldiensten und wurde umgekehrt selbst von ihr beobachtet. Im Alter von 60 Jahren ging er in den Vorruhestand, 1980 starb er.

Dazwischen liegen Jahre der Konspiration, des Exils, der Gefangenschaft und der Verbannung. Er wurde Opfer der eigenen Leute, Opfer der stalinistischen Säuberungen. Eine zentrale Rolle spielte anfangs seine Frau Ursula Hamburger, die wie er aus einer bürgerlichen jüdischen Familie stammte – und (dies nur am Rande) einst Tanzstundenpartnerin von Julius Posener war. Ursula betrieb jahrelang in der gemeinsamen Wohnung in Shanghai einen geheimen kommunistischen Treffpunkt, ohne dass ihr Mann das wusste. Dann bekam sie ein Kind von einem Genossen, das Rudolf nolens volens als eigenes anerkannte. Eine Rheinmetall-Schreibmaschine verriet ihre konspirative Tätigkeit und zwang das Paar, überhastet aus Shanghai abzureisen. 1977 veröffentlichte Ursula unter ihrem inzwischen etablierten Künstlernamen Ruth Werner in der DDR den autobiografischen Bestseller Sonjas Rapport.

Der kürzlich verstorbene Sohn Maik Hamburger hatte erst 2013 die Gelegenheit, die Geschichte seines Vaters zu veröffentlichen. Das vorliegende Buch tut es nun noch einmal auf eine grundlegende Weise: wissenschaftlich in der Methodik, neutral in der Sache, aber nicht ohne Empathie gegenüber dem Architekten, der in geradezu unglaubliche Dinge hineingezogen wurde. Kögels Fazit: „Hamburgers Schicksal steht exemplarisch für die Abgründe des 20. Jahrhunderts und illustriert eindrücklich ein Leben zwischen Anpassung und Widerstand.“

Text: Benedikt Hotze

Architekt im Widerstand. Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste
Eduard Kögel
336 Seiten
DOM publishers, Berlin 2020
ISBN 978-3-86922-761-0
28 Euro


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