RSS NEWSLETTER

https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Rifat_Chadirji._Building_Index_7098264.html

15.01.2020

Buchtipp: Andenken aus Bagdad

Rifat Chadirji. Building Index


Sind Buchseiten mit großen Fotos von leeren Papierblättern leere Buchseiten? Eigentlich nicht, irgendwie aber schon. Die Frage drängt sich jedenfalls sofort auf, wenn man Rifat Chadirji. Building Index das erste Mal durchblättert. Denn die Herausgeber Mark Wasiuta und Akram Zaatari haben sich den Luxus gegönnt und zeigen in ihrem 420 Seiten starken Buch knapp 200 weitgehend leere Papierseiten. Es sind die Rückseiten von DIN A4-Blättern, auf denen Rifat Chadirji Fotos seiner Bauten aufgeklebt hat. Was hat es mit diesen Seiten auf sich? Und wer ist Rifat Chadirji?

Chadirji war einer der wichtigsten Architekten der irakischen Nachkriegsmoderne. Der heute 93-Jährige stammt aus einer einflussreichen Bagdader Familie und lebt seit vielen Jahren in London. Doch während seiner aktiven Zeit führte er nicht nur ein erfolgreiches Büro, sondern war auch ein passionierter Fotograf. Über 100.000 Fotos entstanden seit den 1950er- bis in die 1970er-Jahre. Chadirji nahm nicht nur die Bauten seines Büros auf, sondern dokumentierte leidenschaftlich seine Heimatstadt, die Bauten, Straßen und Plätze, die Menschen und ihren Alltag. Wasiuta und Zaatari konzentrieren sich in ihrem Buch – das auf einer Ausstellung aus dem Jahr 2016 basiert – auf einen winzigen Bruchteil dieses gewaltigen fotografischen Oeuvres. Sie präsentieren eine Auswahl von circa 200 Blättern, auf denen Chadirji eigene Fotos seiner vielen Bauten ordnete. Viele dieser Bilder sind Kontaktabzüge, manche verwackelt, schlecht belichtet oder offensichtlich beiläufig geschossen. Nicht um perfekte Inszenierung geht es hier. Vielmehr kann man nachvollziehen, wie Chadirji seine Bauten in schnellen Bildfolgen festzuhalten versuchte, wie er auf der Suche nach guten Ausschnitten war und durch die Straßen Bagdads zog.

Ebenso passioniert wie Chadirji fotografierte, drehen und wenden die Herausgeber jedes Blatt, denken über Ordnungssystematik, Beschriftung, Korrekturen, Markierungen und Faltungen nach. Und eben über Rückseiten. Denn was den unbedarften Leser irritiert ist für die Archivarin Grundlagenwissen: Wenn historisches Material gescannt wird, um es digital zu archivieren, wird auch die Rückseite gescannt – egal wie wenig Information auf dieser zu finden ist. Diese archivarische Gründlichkeit kann man im Buch nun direkt nachvollziehen, indem eben auch die Rückseite jedes Blattes als historisches Dokument ernst genommen wird. Diese Sichtweise wird im Buch nicht nur grafisch zelebriert, sondern auch knapp aber umso anspruchsvoller diskutiert. Nicht so sehr um buildings geht es den Herausgebern sondern in erster Linie um den index – um die Logiken des Sammelns, Ordnens und Klassifizierens.

Das Ganze ist freilich mehr als eine archivarische Fingerübung, sondern hat viel mit dem politischen Zusammenhängen eines schwer traumatisierten Landes zu tun, das ganz aktuell einmal mehr Schauplatz geopolitischer Auseinandersetzungen ist. Denn vieles was man auf den Fotos sieht, existiert schon lange nicht mehr. Kriege und Gewalt haben das Versprechen der Moderne radikal zerstört. Die Fotos sind Erinnerungssplitter, Überbleibsel eines Architektenlebens, Fragmente eines Bauens im Irak, das für Chadirji 1983 ein Ende fand, als er sein Heimatland aus politischen Gründen verließ. Bereits in den 1970ern war er zu lebenslanger Haft in Abu Ghraib verurteilt worden, nach zwei Jahren vom jungen Präsidenten Saddam Hussein rehabilitiert worden, um schließlich seiner Heimat endgültig den Rücken zu kehren und in die USA zu gehen.

Mit im Gepäck: Die Negative der Fotos, die Chadirji später, nachdem er sich in London niedergelassen hatte, entwickeln ließ, ordnete, auf DIN A4-Blättern aufklebte und beschriftete. Dieser geradezu tragische Rückblick auf die eigene Praxis ist der eigentliche Kern der Publikation. Die papierene Leere und verwaschene Beiläufigkeit des Buches ist also zutiefst symbolisch zu lesen, auch wenn die Herausgeber sich ein Stück weit dagegen wehren und stattdessen mit historischer Präzision argumentieren. Aber ist jeder Blick in das Archiv nicht zutiefst politisch? Wer morgen die neuesten Nachrichte aus den Irak verfolgt, wird die dichten Reihen an Kontaktabzügen, die verblassenden Farben und die leeren Rückseiten jedenfalls nicht ungerührt betrachten. (gh)

Rifat Chadirji. Building Index
Mark Wasiuta und Akram Zaatari (Hg.)
Englisch
420 Seiten
Arab Image Foundation und Kaph Books, Beirut 2018
ISBN 978-614-8035-13-5
50 Dollar


Zum Thema:

www.rifatchadirji.com


Kommentare:
Meldung kommentieren

Post-, Telegraphen- und Telefonzentrale in Bagdad, 1970–75

Post-, Telegraphen- und Telefonzentrale in Bagdad, 1970–75

Wohnhaus Rifat Chadirji (Villa Fahama), 1975

Wohnhaus Rifat Chadirji (Villa Fahama), 1975

Wohnhaus Albert Hanna, 1965

Wohnhaus Albert Hanna, 1965

Wohnhaus Yasoub Rafiq, 1965

Wohnhaus Yasoub Rafiq, 1965

Bildergalerie ansehen: 7 Bilder

Alle Meldungen

<

15.01.2020

Neubau für das Powerhouse in Sydney

Moreau Kusunoki und Genton gewinnen Museumswettbewerb

15.01.2020

Gottfried Böhm und Neviges

Ausstellung in Frankfurt am Main

>
BauNetz Themenpaket
Heiß & Nass
Baunetz Architekten
mühlich, fink & partner
BauNetz Wissen
Ungewöhnliche Scheune
Campus Masters
Jetzt bewerben
DEAR Magazin
IMM COLOGNE 2020
vgwort