Ultima Ratio
Raumschießanlage in Dresden von Schulz und Schulz Architekten
Im Angesicht von grenzüberschreitend organisierter Kriminalität, Terror und Extremismus sind die Anforderungen zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung für die deutsche Polizei in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Die neue Dresdener Raumschießanlage von Schulz und Schulz Architekten (Leipzig) soll den Beamten gemäß der vom sächsischen Innenministerium formulierten Agenda Polizei 2020 zur Ausbildung dienen: Unter möglichst realen Simulationsbedingungen wird die Polizei Sachsen hier theoretisch wie praktisch auf sich immer wieder verändernde Einsatzszenarien vorbereitet. Spezifische Trainings in situationsgerechtem Vorgehen und Deeskalationsstrategien stünden dabei im Vordergrund, so die Pressemeldung der Architekten, der Schusswaffengebrauch bleibe stets „ultima ratio“.
Das Raumprogramm verteilten Schulz und Schulz auf zwei gleich große, eingeschossige Gebäudeteile, von denen einer mit Seminarräumen, Sportraum und Trainingskulissen vielseitig zur Aus- und Fortbildung genutzt werden kann. Der andere dient ausschließlich dem Training an der Schusswaffe und verfügt über drei Schießbahnen im Erd- und eine große Raumschießanlage im Untergeschoss. Auf einem gemeinsamen Sockel stehend, sind sie doch durch einen Hof voneinander abgerückt. Somit erfolgt eine klare bauliche Trennung der Räume des scharfen Waffengebrauchs von den Bereichen des Einsatztrainings mit teilweise nachgestellten Stresssituationen. Die funktionale Separation der Flachbauten lässt sich ebenfalls an ihrer Fertigbetonfassade ablesen, die sich nur an drei Seiten des Seminargebäudes durch Fenster nach außen hin öffnet.
Auf den Bildern, die der Fotograf Tomasz Lewandowski für Schulz und Schulz Architekten anfertigte, liefern sich eine Gruppe laienhaft als Indianer und Cowboys kostümierter Schauspieler mit Spielzeuggewehren einen erbitterten Kampf. Der Fotograf wählte diese Verfremdung, um den Respekt vor der Polizeiarbeit zu wahren. Weniger Respekt hingegen zollt die stereotype Darstellungsform den auch auf den Bildern in der Minderheit vertretenen Native Americans. Erwähnenswert sind die Fotografien dennoch zumindest als Versuch, der diffusen Bedrohung, die diesem Bauwerk eingeschrieben ist, ein selbstbewusstes, wenn auch schiefes Lächeln entgegenzusetzen. (kms)
Fotos: Tomasz Lewandowski
Warum "Karneval"? Weil wir auch dem Fotografen nicht den erstbesten Hirnlosgedanken unterstellen sollten. Dann haben unsere Kinder Karneval nämlich plötzlich auch ein Problem.
Das Gebäude will ich jedoch ausdrücklich loben. Es wird meiner Meinung nach durchaus dem Widerspruch der Anforderungen gerecht: Einerseits Zweckbau, ohne hohe Standards. Andererseits die Lage im Kontext historischer Gebäude, an prominenter Stelle im Zentrum der Anlage. Für das, was es sein kann und will, ist das Gebäude überdurchschnittlich gut - auch wenn es seit dem Wettbewerbsgewinn 2007 (!) ein paar gestalterische Federn gelassen hat.
PS: Dass so eine Bauaufgabe normalerweise ohne jede Architektenbeteiligung von Bauunternehmen "hingerotzt" wird, sollte man bei der ganzen Diskussion auch nicht vergessen.
zur architektur: schon wieder sehen wir einen schulz-bau, der mich nicht im geringsten begeistert. eine staubtrockene, blutleere architektur, außen wie innen irgendwie monumental, aber am ende kraftlos und scheinbar unmotiviert. wo ist die lebensfreude, die freude am (gern auch strengen) detail? der humor (indianerspiele lasse ich jetzt mal nicht gelten)? eine überzeugende materialwahl? wo ist der hauch von grandezza oder wenigstens ein klitzekleines bisschen heiterkeit? all das fehlt (mir persönlich zumindest) extrem.
schulz+schulz zeichnen wunderschöne wettbewerbspläne, und seit jahren verfolge ich den gebauten output des büros mit interesse - immer in der hoffnung, dass irgendwann mal ein projekt so schön reduziert und mit dieser ganz spezifischen leichtigkeit umgesetzt wird wie seine wettbewerbspläne. und jedesmal werde ich enttäuscht. plumpe details, billig wirkende materialien, banale gesamtwirkung. jungs, in euren wettbewerbsplänen steckt ein solch mitreißender zauber, und im bauprozess geht der regelmäßig bis auf null verloren! warum? mein tip (ich weiß nicht, ob es mir zusteht, tips zu geben, aber ich tue es einfach mal): ändert die herangehensweise im detail! seid sensibler mit den materialien! haucht euren bauten leben und handwerkliche qualität ein!