Zu unbequem?
Querelen in Dessau um Bauhaus-Chef Oswalt
Im März 2009 wurde Philipp Oswalt zum neuen Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau ernannt und damit Nachfolger von Omar Akbar. Dass man sich mit Oswalt einen eigensinnigen, streitbaren Kopf ans Bauhaus holen würde, war klar – mehr noch, es war explizit erwünscht, denn damals ging es in Dessau vor allem darum, wie man der Stiftung wieder neues Leben einhauchen und für angemessene Relevanz im zeitgenössischen Diskurs sorgen könnte. Die Untätigkeit und vor allem: die Unsichtbarkeit, in der sich die Stiftung damals befunden hatte, waren die schärfsten Kritikpunkte.
Eines kann heute, da sich Oswalts erste Amtszeit dem turnusmäßigen Ende nähert, wohl niemand anzweifeln: Die Stiftung aus der Unsichtbarkeit herausgeholt zu haben, mehr noch, aus ihr wieder eine international beachtete, quicklebendige, manchmal vielleicht sogar etwas zu hochtourige Institution gemacht zu haben, ist Oswalt gelungen. Die Verlängerung um eine weitere Amtszeit schien da eher Formsache – dennoch hat der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh (SPD), Ende der letzten Woche im Stiftungsrat durchgesetzt, dass die Stelle zum Februar 2014 neu ausgeschrieben werden soll. Inhaltliche Gründe wurden bislang keine genannt.
Gerade deswegen ist das Vorgehen seltsam, insbesondere wenn man bedenkt, dass noch nie einem Stiftungsdirektor in Sachsen-Anhalt eine zweite Amtszeit verweigert wurde. Denn die Stelle neu auszuschreiben ergibt nur Sinn, wenn man den Direktor loswerden möchte – der großzügige Hinweis, Oswalt könne sich ja wieder bewerben, wirkt wie Hohn.
Fest steht, dass Oswalt und Dorgerloh bereits mehrfach unterschiedlicher Meinung waren, etwa beim Standort eines neuen Besucherzentrums in Dessau. Oswalt hat dabei immer wieder die eigenen Meinungen und vor allem das Interesse der Stiftung vertreten, auch lautstark – und sicher auch ohne allzu viel Rücksicht auf parteipolitisches Kalkül. Aber nichts davon (was öffentlich wurde) erscheint wie eine unüberbrückbare inhaltliche Differenz – es sei denn, man hat ein generelles Problem mit öffentlich gemachten Meinungsunterschieden.
Für die vielen laufenden Projekte des Bauhauses, das sich mit den Bauhaus-Institutionen in Weimar und Berlin derzeit auf das 100. Gründungsjubiläum 2019 vorbereitet, wäre der Wechsel des Direktorenpostens gerade jetzt eine Katastrophe. Das zeigen auch die ersten Reaktionen auf die angekündigte Ausschreibung. So attestiert Christian Eger in der Mitteldeutschen Zeitung der Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt einen „autoritären Zug“, und Die Welt spricht von „politischer Ratlosigkeit“.
Auch andere Akteure aus dem Kulturbereich haben sich bereits zu Wort gemeldet. Gabriele Tietze, Vorsitzende des Dessau-Roßlauer Kulturausschusses, fühlt sich „entmündigt“, und der Intendant des Dessauer Theaters, Andre Bücker, sagt, er sei „schockiert, wie mit einem Mann umgegangen wird, der sich so engagiert hat. Solche Leute holt man, damit sie unbequem sind“. Richtig. Denn generell erscheint es nur positiv, wenn ein Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau auch in Zukunft eine eigene Meinung haben darf – und diese auch öffentlich machen darf. (Florian Heilmeyer)
Ausführliches Interview mit Philipp Oswalt zu seinem Amtsantritt 2009 in der BAUNETZWOCHE#134: „Streit am Bauhaus“
Es darf erinnert werden, dass Omar Akbar für die Geburt der IBA Sachsen-Anhalt verantwortlich war und das Bauhaus damit eines der besten und wichtigsten Projekte des Landes angestoßen und gemeinsam mit der Saleg gelenkt hat. Ebenso fällt in seine Amtszeit die große internationale Wahrnehmung des Bauhauses, die sicher ein wesentliches Kapital der Stiftung ist. Bei aller Begeisterung für die Vielzahl der Aktivitäten darf eine generelle Tendenz nicht übersehen werden, die man mit Musealisierung und Touristifizierung bezeichnen kann. Im Allgemeinen geht mit diesem Prozess eine Entfremdung und Verknöcherung einher ein schleichender Prozess, der immer weiter von dem wegführt, was möglich wäre. So könnte es auch sein, dass zumindest eine Neuausschreibung Gelegenheit gibt, eine Justierung vorzunehmen und die bislang vertane Chance der Wiedereröffnung des Bauhauses als Stätte einer international attraktiven Lehr- und Ausbildungsstätte aufzugreifen mit all den dazugehörigen Konsequenzen. Wenn es nun an anderer Stelle in Dessau ein Bauhaus-Museum geben wird, können das Bauhaus und die benachbarte Hochschule deren internationaler, englischsprachiger Studiengang DIA sich unbegrenzter Attraktivität erfreut ihr beiderseitig am gleichen Ort sein, neu überdenken. Es bleibt abzuwarten, ob nur ein neuer Direktor gesucht werden wird oder ob einmal grundsätzlich das Bauhaus und die Fachbereiche der Hochschule in Dessau in die Zukunft gedacht werden müssen. Argumente dazu gäbe es reichlich, aber bislang hat das Insolventsein vieler Entscheider die große Lösung verhindert. Es wäre gut, wenn es spannend würde.
den Direktor einer großen Stiftung beruft man normalerweise nicht für nur eine Periode. Fünf Jahre sind eine knappe Zeit, wenn man eine große Institution neu ausrichten möchte. Daher werden nach einer Periode eigentlich nur diejenigen abberufen bzw. neu ausgeschrieben, mit deren Arbeit man aus welchen Gründen auch immer sehr, sehr unzufrieden ist. Es ist ein äußerst ungewöhnliches und politisch gaz offensichtlich auch höchst ungeschicktes vorgehen.
Ein ansonsten unbedeutender, importierter Regionalpolitiker will sich auf einmal selbst mit dem Glanze schmücken, den Ph. Oswalt in Dessau aufgebaut hat - touché! Dazu inszeniert der unbedeutende Politiker eine Kündigung hinter den Kulissen. Touché! Aber es wird ihn am Ende selbst treffen, so wie die böse Stiefmutter im Grimmschen Märchen auch selten zu den Gewinnertypen zählt...