Schwäbischer Beton
Polizeistation in Münsingen fertig
Die Ortschaft Münsingen ist flächenmäßig die größte Gemeinde im Landkreis Reutlingen. Kein Wunder also, dass die dortige Polizeistation 45 Beamte zählt und das Ursprungsgebäude von 1904 zu klein geworden war. Vor kurzem konnte nun ein dreigeschossiger Ersatz- sowie Erweiterungsbau, geplant und gebaut vom Büro Ulrich Schwille Architekten (Reutlingen), seinen Nutzern übergeben werden.
Der Neubau besteht aus zwei massiven Sichtbetonkuben und vertritt mit breiten Fensterbändern und prägnanten Einschnitten und seiner massiven Materialität selbstbewusst die zeitgenössische Architektur in der schwäbischen Ortschaft.
Beide Baukörper stehen auf einem Sockelgeschoss. Während sich im Neubau der Hauptzugang, die Wache sowie ein Zimmer für den Dienstgruppenführer befinden, wurden im ersten Obergeschoss Büroräume sowie Unterrichts- und Aufenthaltsraum untergebracht. Im Sockelgeschoss befinden sich zudem Umkleide- und Sanitärräume, ein Fitnessraum sowie Gewahrsamszellen.
Im Inneren setzt sich die Materialität der Fassaden fort: eine reduzierte Gestaltungssprache aus Sichtbetonwänden und -decken, Eichefurnierplatten sowie farblos lasierten, schwarzen Mdf-Platten.
Fotos: Studio Tümmers
Informationen zum Thema Sichtbeton im Baunetz Wissen
Die Baukunst in eine Zwicky-Box zu stecken und auf geradlinig mathematisch-funktionalistische Grundsätze zu reduzieren, auf das Abarbeiten von Multiple-Choice-Katalogen, ist ebenso weltfremd, wie kunstgeschichtlich und architekturtheoretisch anfechtbar. (Welchen "guten Zweck" erfüllt denn das Ornament?) Im Anspruch furchtbar freudlos und letztlich vielleicht sogar totalitär. So wird man Architektur bestimmt nicht gerecht.
Ich jedenfalls halte es grundsätzlich für im besten Wortsinne bemerkenswert, wenn im Baunetz darüber berichtet wird, dass in der deutschen Provinz (garnicht despektierlich gemeint) durch einen öffentlichen Bauherren ein zeitgenössisch modernes Haus, im Detail ganz offensichtlich sorgfältig geplant und mit vergleichsweise hochwertigen und teueren Materialien, realisiert wurde. Ich habe schon viel weniger ambitionierte Projekte gesehen und kann mich über Gebäude ohne die üblichen 08/15 Gipskartonmineralfaserabhangdeckenorgien, die Sichtbargeschraubtenfußplattenrundrohrmetallgeländermitedelstahlhandlauf von der Stange und das allgegenwärtige Wärmedämmverbundsystem durchaus noch freuen. Kann sein, dass Sie und Ihre Bauherren es unter Makassarfurnier nicht machen würden, aber die feinen Eichenholztrennwände mit den sauber eingelassenen Fußleisten sind mir nicht halbgut, sondern allemal lieber als die übliche hingerotzte und schnell schäbige Gipskartontristesse. Seiner Nutzung als Polizeistation meiner Ansicht nach durchaus angemessen solide und präsent, passt es sich anscheinend äußerlich soweit das Foto hier eine abschließende Bewertung zulässt im Maß der Nutzung offenbar auch gut in das Ortsbild ein. Die leichten Schiefigkeiten aus der Topographie im Sockel und das komplementäre plastische Verziehen der Dachkante interpretiere ich als unaufgeregte, aber spürbare Überhöhung und Betonung der Grundstücksecke, wodurch sich das Haus selbstbewusst an der Kreuzung behauptet und die ansonsten vielleicht zu strenge Geometrie der massiven Baukörper gemildert wird. Zusammen mit dem Einschnitt, der den freundlich schützenden Eingangsbereich bildet (ohne mickrige Punktgehalteneglasvordächelchen) und dem angenehmen Kontrast zwischen hartem Beton und weichen Hölzern, ergibt das alles für mich ein absolut wohlproportioniertes skulpturales Ganzes.
Auch wenn es meinetwegen die rote Farbe im Treppenhaus nicht gebraucht hätte, kann ich hier nirgendwo halbgute Lösungen erkennen. Daher von meiner Seite einen aufrichtigen Glückwunsch aus Berlin an die mir übrigens persönlich nicht bekannten - schwäbischen Kollegen und Bauherren.