Lenin und Laster
Platzgestaltung in Tatarstan von DROM
Mit etwa 500.000 Einwohnern ist Nabereschnyje Tschelny nach Kasan die zweitgrößte Stadt der russischen Teilrepublik Tatarstan. Wenn man von ihr überhaupt schon mal gehört hat, dann vermutlich als Produktionsort der russischen KAMAZ-Lastwagen, die hier seit 1976 hergestellt werden. Erst wegen dieser Industrie wurde aus dem 30.000-Einwohner-Dorf in kürzester Zeit eine Großstadt, was man heute noch am orthogonalen Straßenraster und an ausgedehnten Plattenbau-Wohnvierteln erkennen kann.
Ein Teil der Neustadtplanung war der zentrale Ploshchad' Azatlyk, der „Platz der Freiheit“, der als langgezogener öffentlicher Raum zwischen dem damals neuen Rathaus und einem geplanten Lenin-Museum aufgespannt werden sollte. Dieses Museum wurde allerdings nie gebaut, so dass dem östlichen Platzende ein Bezugspunkt fehlte. Stattdessen wurde südlich davon, deutlich aus der Achse gerückt, ein Einkaufszentrum errichtet. Wenig überraschend trug dies nicht zur Aufenthaltsqualität bei. Erst vor kurzem wurde der Platz ganzheitlich überarbeitet und mit einer neuen Gestaltung versehen, die ihn endlich zu einem gut genutzten Treffpunkt machen soll. Den Auftrag dafür bekam das junge Rotterdamer Büro DROM, dessen Partner Sofia Koutsenko, Timur Karimullin und Timur Shabaev alle zuvor bei OMA gearbeitet haben.
Der Stadtraum sieht nun spektakulär aus: die zentrale Achse des Platzes wurde nach Süden verschoben, so dass sie jetzt am Rathaus vorbeiführt und direkt die beiden angrenzenden Viertel (und das Einkaufszentrum) verbindet. Der Platz selbst wurde in drei große Bereiche eingeteilt, die durch unterschiedliche Bodenbeläge geprägt sind. Der „Event Square“ im Osten – wo das Lenin-Museum hätte gebaut werden sollen – bekam eine solide Pflaserung aus rosa gefärbten Betonsteinen. Hier werden Veranstaltungen wie der gut besuchte Wochenmarkt stattfinden. In der Mitte liegt der „Green Square“ mit einer großen Liegewiese und einer dreieckigen Sitztribüne aus Holz, unter der ein Café entstand. Am Rande der Wiese erhebt sich die ebenfalls knallig orangene Schlaufe einer geschwungenen Aussichtsplattform.
Im Osten folgt vor dem Rathaus als dritter Bereich der „Cultural Square“. Hier wurde der historische Springbrunnen mit seinen spitzen Torbögen aufgegriffen. Ergänzt wurde er um ein kreisrundes Wasserbecken, das im Sommer zum Plantschen und im Winter zum Schlittschuhlaufen genutzt werden kann. Ansonsten ist dieser Bereich vor allem ein Treffpunkt für die Besucher des Rathauses und der benachbarten Konzerthalle.
Die Architekten betonen die lokale Verbundenheit ihres Projektes. Das Pflanzkonzept greift ausschließlich auf einheimische Flora – Linden, Rot-Ahorn oder Blaufichte – zurück. Alle Stadtmöbel und Lampen wurden vor Ort hergestellt. Die Tragstruktur der Aussichtsplattform ist das gleiche System, das sonst bei Überland-Gasleitungen verwendet wird. Bleibt nur noch die Frage: Warum das knallige Orange? Weil dies die emblematische Farbe der KAZAM-Laster ist, so die Architekten. Na, dann. (fh)
Fotos: Dmitry Chebanenko, Evgeny Evgrafov
Sind diese Plätze auch wirklich "bevölkert" ?
Für ein Expo-Gelände, auf dem auf einen Schlag immer tausende Leute flanieren sicher OK, aber an diesem trostlosen Ort?
Das ist kein leichtes Terrain, dort mit beschränkten Möglichkeiten Aufenthaltsqualität zu schaffen. Nur drei Bankgruppen hinstellen würde gar nix lösen, da viel zu klein und vollkommen verloren in der vorhandenen Ödnis.
Meiner Meinung sind die Interventionen genau im richtigen Maßstab geschehen, klein genug ohne verloren zu wirken und groß genug, um neue Räume zu schaffen. Über Einzelheiten kann man immer streiten. Im Endeffekt aber eine erhebliche Verbesserung der Situation
Aber ja, ein paar Kreiseförmige Bänke wurden lose eingestreut.. Um gute Außenräume zu gestalten kann man eben keine Bilder von Bildschirmen in die Realität übertragen.