RSS NEWSLETTER

https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Plaedoyer_fuer_einen_Wandel_in_der_Planungskultur_8067430.html

26.10.2022

Buchtipp: Schwarzer Rolli, Hornbrille

Plädoyer für einen Wandel in der Planungskultur


Am Beispiel eines Bücherregals lässt sich strukturelle Benachteiligung sichtbar machen. Das bewies 2017 eine Buchhandlung im US-Bundesstaat Ohio, indem dort Bücher männlicher Autoren für zwei Wochen umgedreht wurden und weiße Seiten statt Buchrücken und Titel sichtbar blieben. Dadurch traten Werke weiblicher und nicht-binärer Autor*innen hervor – allerdings in deutlicher Unterzahl. Dass es sich dabei weder um einen Einzelfall noch um eine unglückliche Auswahl handelte, wurde in zahlreichen Debatten und Analysen zum Thema Gleichstellung in den vergangenen Jahren deutlich.

Schwarzer Rolli, Hornbrille. Plädoyer für einen Wandel in der Planungskultur von Karin Hartmann ist ein Titel, der im Bücherregal nicht umgedreht werden würde. Insbesondere für den Bereich Architektur ist es ein starker und wichtiger Beitrag, der scharfsinnig das Berufsfeld unter die Lupe nimmt. Es geht um strukturelle Diskriminierung innerhalb der Branche, die Dominanz westlichen Denkens und die Frage danach, welche Stimmen überhaupt in Diskursen gehört werden. Wer sind unsere Vorbilder in der Lehre? Wessen Leistungen wurden innerhalb einer androzentrischen Baugeschichte verschleiert? Für wen entstehen durch die Rahmenbedingungen des Berufsfeldes Nachteile? In ihrem Buch plädiert Karin Hartmann mit einer intersektional-feministischen Perspektive für einen Wandel der aktuellen Planungskultur.

Sie hinterfragt vorrangig den Status quo architektonischer Praxis. Anhand einer Studie des American Institute of Architects und des Center for WorkLife Law legt Hartmann dar, wie der strukturelle Profiteur des bestehenden Systems aussieht: Er ist weiß und männlich. Dazu passt ihre Auswertung des BauNetz-Rankings Top 100 national. Von 100 Büros werden 64 von Männern geführt, 32 gemeinsam mit und nur vier allein von Frauen. Obwohl seit 2006 mehr Frauen als Männer das Architekturstudium abschließen, stiegen diese seltener beruflich auf und verblieben eher „in weisungsgebundenen Positionen“, so die Autorin.

Mit dieser ernüchternden Ausgangslage beginnt Hartmann ihre Analyse verschiedener diskriminierender Strukturen innerhalb der Architektur. Von Mutterschaft als „Sollbruchstelle“, über Teilzeitbeschäftigung, (nicht-) gendergerechte Stadtplanung, Wettbewerbskultur, Rassismus und Sexismus bis hin zum Berufshabitus selbst spannt sie in gut recherchierter, dichter Analyse einen Bogen über den Joballtag von Architekt*innen. Bezüge zu anderen Fachgebieten, Forschungsarbeiten, feministischer Theorie sowie medialer Berichterstattung sind dabei stets präsent. Im letzten Abschnitt bekommt das Buch durch ein Interview mit der Architektin und Forscherin Afaina de Jong außerdem eine persönliche Note.

Wem es in Schwarzer Rolli, Hornbrille allerdings buchstäblich an den Kragen geht, das sind die Einflüsse der sogenannten „Meister“ der Moderne, auf die der Titel anspielt. Sei es durch einen bis heute prägenden Kleidungsstil, einen stereotypen Habitus, die Entwurfspraxis des „mimetischen Meister-Schüler-Lernens“ oder die verbreitete Entwurfshaltung moderner Architektur, ein Gebäude „auf der grünen Wiese“ zu errichten – Hartmann hinterfragt das Idol-Denken und dessen bis heute starke Einflussnahme auf Lehre und Praxis. Damit einher geht die Verdrängung von insbesondere weiblichen Biografien aus der Architekturgeschichte und teilweise bewusste Aneignung ihrer Werke. Die Autorin zeigt dies etwa am Beispiel von Le Corbusier und seinem misogynen Umgang mit dem von Eileen Gray 1929 entworfenen Haus E.1027 auf – zu dem erst kürzlich zwei Bücher erschienen sind.

Karin Hartmann leistet mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag, um bestehende Strukturen und Denkmuster zu reflektieren. Dazu gibt sie Leser*innen durch ihre essayistische Analyse und durch ein ergänzendes Glossar zentrale Grundbegriffe intersektionaler Ansätze als Handwerkszeug mit, mit deren Hilfe Missstände benennbar werden. Im Kopf bleiben nach der Lektüre vor allem Namen von Frauen, die durch ihre Forschungsarbeit und architektonische Praxis die Wege für Veränderung ebnen. Ein Buch, das seinen Platz im Bücherregal verdient.

Text: Ariann Schwarz

Schwarzer Rolli, Hornbrille. Plädoyer für einen Wandel in der Planungskultur
Karin Hartmann
160 Seiten
Deutsch
Jovis Verlag, Berlin 2022
ISBN 978-3-86859-698-4
24 Euro

Das Buch ist auch in einer englischen Fassung erschienen.


Zum Thema:

Am morgigen Donnerstag, 27. Oktober 2022, findet am Institut für Architektur der TU Berlin um 18 Uhr eine Buchvorstellung und ein Gespräch mit Karin Hartmann statt.


Kommentare:
Meldung kommentieren

In der Seestadt Aspern tragen die Straßen Frauennamen.

In der Seestadt Aspern tragen die Straßen Frauennamen.



Der gender-inklusive Reumannplatz in Wien wird von der Stadtbevölkerung „Reumädchenplatz“ genannt.

Der gender-inklusive Reumannplatz in Wien wird von der Stadtbevölkerung „Reumädchenplatz“ genannt.


Alle Meldungen

<

26.10.2022

Kritische Infrastruktur in Stuttgart

Parkhaus mit Energiezentrale von asp Architekten

26.10.2022

Kleine Büros, große Architektur

Ausstellung in Hamburg

>
Baunetz Architekten
ppp architekten + stadtplaner
BauNetz Wissen
Ein zweites Leben
baunetz interior|design
Ein Haus bekommt Zuwachs
BauNetz aktuell
Modernes Gedenken
Campus Masters
Jetzt abstimmen!