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https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Petition_zum_Erhalt_von_Maeusebunker_und_Hygiene-Institut_in_Berlin-Steglitz_7195422.html

02.04.2020

Doppelt gefährdeter Brutalismus

Petition zum Erhalt von Mäusebunker und Hygiene-Institut in Berlin-Steglitz


Am Teltowkanal weit draußen im Südwesten Berlins reihen sich drei Gebäude auf, die eindrucksvoll zeigen, welche Leistungen das öffentliche Bauen in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg erreichen konnte. Das Benjamin Franklin-Krankenhaus des amerikanischen Büros Curtis & Davis, das ehemalige Institut für Hygiene und Mikrobiologie von Hermann Fehling und Daniel Gogel sowie der sogenannte Mäusebunker von Gerd und Magdalena Hänska sind nicht nur echte Kinder der 1960er-Jahre, sondern zeugen von architektonischer Qualität und Vielfalt dieser Zeit. Heute gehören alle drei Bauten zur Charité. Während das damalige „Klinikum Steglitz“ noch ein klassisches Geschenk der USA im Zuge des Wiederaufbaus war, zeigt sich bei den beiden Institutsbauten die wachsende Selbständigkeit Berlins – gerade auch in architektonischer Hinsicht.

Umso schockierender, dass die Charité nun die beiden architektonisch herausragenden Institutsbauten von Fehling + Gogel sowie Gerd und Magdalena Hänska zur Disposition stellt und abreißen lassen möchte. Denn die beiden direkt gegenüberliegenden Sichtbetonbauten sind weit mehr als ein formalistisches Leckerli für Brutalismus-Nerds. Sie erzählen vom alten West-Berlin, vom Aufbau der Freien Universität ab 1948 und von den politischen Bemühungen unter dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (1957–66), die wirtschaftlich abgehängte Stadt zu einem Wissenschaftsstandort auszubauen. Außergewöhnliche Architektur spielte hierbei eine entscheidende Rolle. Wissensproduktion sollte nicht in brav gereihten Zellenbüros hinter blassen Rasterfassaden stattfinden, sondern angemessene Räume bekommen und sich selbstbewusst im Stadtraum verorten.

Insbesondere das Institut für Hygiene und Mikrobiologie (heute: Institut für Hygiene und Umweltmedizin) des Duos Fehling + Gogel aus den Jahren 1966–74 steht für eine großzügige und offene Architektur des Forschens und Lehrens. Hermann Fehling und Daniel Gogel betrieben eines der ungewöhnlichsten Büros der deutschen Nachkriegsarchitektur, bauten unter anderem Kirchen und große Institutsbauten für die Max-Planck-Gesellschaft. Mit seinem bewegten und organischen Entwurfsansatz vertrat das Büro eine für das damalige West-Berlin nicht untypische Haltung, die mit den organischen Bauten des Altmeisters Hans Scharouns – für den Fehling auch gearbeitet hatte – vergleichbar ist. Sie emanzipierten sich jedoch rasch und bestritten ganz eigene Wege.

Die ehemaligen Zentralen Tierlaboratorien der Freien Universität von Gerd und Magdalena Hänska direkt gegenüber formulieren geradezu einen Kontrapunkt zur einladenden Geste des Hygiene-Instituts. Das martialische Haus wurde für Tierversuche gebaut und trägt den mehr als passenden Spitznamen „Mäusebunker“. Aufgrund von Finanzierungsproblemen zog sich die Bauzeit hin, so dass das 1967 entworfene Haus erst 1981 fertig wurde. Der massive und düstere High-Tech-Brutalismus, der das gesellschaftlich hochumstrittene Tun im Inneren des Hauses mit gnadenloser Ehrlichkeit nach außen kommuniziert, dürfte bei der Eröffnung des Haues bereits seltsam obsolet gewirkt haben.

Beide Bauten werden nur noch teilweise genutzt und sollen einem neuen Forschungs-Campus der Charité weichen. Dass das aufregende Haus von Fehling + Gogel tatsächlich abgerissen wird, scheint schlechterdings unmöglich, doch der „Mäusebunker“ dürfte es tatsächlich schwer haben. Die in sich gekehrte Architektur macht eine Nachnutzung natürlich nicht einfach – ganz zu schweigen von der Hürde, eine Wertschätzung des Hauses bei Eigentümern und Öffentlichkeit zu erreichen. Der Abriss eines solch sperrigen Gebäudes scheint da der weitaus bequemere Weg.

Aufgeschreckt von den bereits vorliegenden Beseitigungsanzeigen, die den Abriss beider Bauten ermöglichen, haben der Kunsthistoriker Felix Torkar und der Architekt Gunnar Klack eine Petition lanciert, die für den Erhalt der Bauten eintritt. Positive Denkmalgutachten lägen zu beiden Häusern vor, schreiben die Initiatoren. Auch der Landesdenkmalrat Berlin empfiehlt die Erhaltung, der BDA Berlin möchte im Herbst eine Ausstellung zum Thema zeigen. Nun sei es dringend geboten, beide Bauten unter Denkmalschutz zu stellen.

Das Landesdenkmalamt – das die Unterschutzstellung veranlassen könnte – betont, dass ihm die Denkmalbedeutung beider Bauten bekannt sei, äußert sich darüber hinaus aber zurückhaltend. Es stünden sich hier zwei öffentliche Interessen gegenüber, die abgewogen und nach Möglichkeit in Einklang gebracht werden müssten. „Hierzu ist das Landesdenkmalamt mit allen Beteiligten im engen Austausch.“ Der Berliner Tagesspiegel vermutet, dass letztlich eine politische Entscheidung auf höchster Ebene fallen dürfte, denn der Regierende Bürgermeister Michael Müller ist Dienstherr des Landesdenkmalamts und Aufsichtsratsvorsitzender der Charité.

Bis zum 30. April 2020 suchen Torkar und Klack Erstunterzeichner für ihre Petition. Alle nötigen Infos dazu findet man auf der Webseite der Initiative, auf der auch ein ausführlicher Artikel Klacks über die beiden Bauten zu finden ist. (gh)


Zum Thema:

Webseite der Initiative: www.mäusebunker.de

Unsere Baunetzwoche#151 zu Fehling+Gogel von 2009: Download


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Kommentare:
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Sehr viel sperriger kann ein Baudenkmal wohl nicht sein: Der „Mäusebunker“ von Gerd und Magdalena Hänska (1967–81) markiert einen gestalterischen und funktionalen Extrempunkt.

Sehr viel sperriger kann ein Baudenkmal wohl nicht sein: Der „Mäusebunker“ von Gerd und Magdalena Hänska (1967–81) markiert einen gestalterischen und funktionalen Extrempunkt.

Gunnar Klack betont, dass der Ausbaustandard des brutalistischen Hauses hoch und die Asbestbelastung verhältnismäßig gering seien.

Gunnar Klack betont, dass der Ausbaustandard des brutalistischen Hauses hoch und die Asbestbelastung verhältnismäßig gering seien.

Das ehemalige Institut für Hygiene und Mikrobiologie des Duos Fehling + Gogel (1966–74) steht für eine großzügige und offene Architektur des Forschens und Lehrens.

Das ehemalige Institut für Hygiene und Mikrobiologie des Duos Fehling + Gogel (1966–74) steht für eine großzügige und offene Architektur des Forschens und Lehrens.

Beide Bauten werden nur noch teilweise genutzt und sollen einem Forschungs-Campus weichen, den die Charité errichten will.

Beide Bauten werden nur noch teilweise genutzt und sollen einem Forschungs-Campus weichen, den die Charité errichten will.

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