Blühender Garten
Peter Zumthors Serpentine-Pavillon in London
Wer dieser Tage durch die Kensington Gardens im Westen Londons schlendert, wird sich vielleicht kurz wundern: Ein schmaler Weg schlängelt sich in der Nähe der Serpentine Gallery über die Wiese und endet in einen schwarzen, flachen Kubus. Wo es im vergangenem Jahr noch rot leuchtete, zeigt sich der diesjährige Serpentine-Pavillon von außen zunächst dunkel bis düster. Abgeschirmt von der Außenwelt, verbirgt sich im Inneren des 33 Meter langen und zwölf Meter breiten Riegels aber ein blühender Garten. Ein Garten im Garten?
„Hortus Conclusus“ haben der Schweizer Architekt Peter Zumthor und der niederländische Gartengestalter Piet Oudolf den elften Pavillon der Serpentine Gallery genannt (siehe BauNetz-Meldung vom 5. April 2011). Der Pavillon dient als dreidimensionaler Rahmen, der das bepflanzte Blumenbeet in seinem Innenhof zu einem kostbaren Exponat werden lässt. Das Stück Natur im Rechteck wird erst durch den Kontrast zur streng geometrischen Hülle besonders betont und setzt sich mit Hilfe einer inszenierten Raumerfahrung mit der Wahrnehmung von Natur und Stadt auseinander. Einziger Außenbezug bleibt ein ebenso großer rechteckiger Ausschnitt Himmel, der je nach Perspektive den Blick auch auf die umgebenden Baumkronen freigibt – ein intensiver Raum als Hülle für das Gute, Wahre und Schöne.
Einen Sommer lang wird dieser Rückzugsort – gefüllt mit Blumen, Bienen und klösterlicher Stille – als meditativer Raum mitten in der Großstadt. Da temporär, hat Zumthor den Pavillon nicht halb so massiv geplant, wie er den Schein erweckt. Ein Holzskelett bildet die Basis der Konstruktion, die wiederum mit schwarz gefärbten Holzplatten verkleidet worden ist – mit einem Kulissenbau hat Peter Zumthor also die blühende englische Gartenlandschaft inszeniert. Zwischen Außen- und Innenwand bildet ein Hohlraum einen Korridor, den die Besucher wie in einem Tempel durchschreiten können. Der Innenhof lässt sich am Besten von einer Bank oder einem Stuhl unter dem schmalen umlaufenden Dach aus betrachten – bei einer Tasse Tee oder einem Kaffee im Pappbecher vielleicht.
Peter Zumthor und Piet Oudolf überraschen mit ihrer Pavillongestaltung wohl vor allem durch eine angenehme Unaufgeregtheit, die man selbst erfahren möchte. Alpiner Holzbau trifft holländische Gartenkultur und verzichtet dabei auf Spektakel und Chichi. Architektur ist dann überzeugend, wenn weder Entwerfer noch das Gebäude im Vordergrund stehen. Nichts ist lauter als die Stille.
Die Kommentarfunktion ist nunmal dazu da die veroeffentlichte oder bereits realisierte Architektur hier zu diskutieren. Als wuerdiger ausgebildeter Architekt kann ich mir anhand von Plaenen, Modellen und auch Fotos einen Raum vorstellen und unter Beruecksichtigung all der Unzulaenglichkeiten wie fehlender Sinneseindruecke zu einer "ersten" Meinung kommen, die natuerlich bei einem realen Besuch oft positiv wie negativ korrigiert werden muss. Ich habs nochmal versucht Alles von Zumthor gut zu finden - werde das Bild eines zugewachsenen Garagenhofes aber nicht los. Das Asketische ist nicht das Problem und die Details sind sicher einmalig. Zumthor legt sich selbst die Latte relativ hoch - gebe zu, dass das zu einer uebersteigerten Erwartungshaltung fuehren kann. Habe leider im Moment keine Gelegenheit meinen vom Bild "hochgeholten" Ersteindruck zu falsifizieren.
p.s. Meinungen zur architektur anhand von fotos kann man getrost vergessen. Man kann entwürfe auf der basis von zeichnungen beurteilen, aber gebautes ...auf keinen fall. wesentliche architektonische "features" werden da garnicht erfasst: raum, oberfläche, akustik, stimmung, maßstab, benutzbarkeit usw.usw...wie es wirklich funktioniert, wenn alle sinne angesprochen werden...all das was architektur überhaupt erst zur architektur macht, bleibt den fotos verborgen.....dieses ganze wohlfeile gewäsch über bilder ist eine moderne (medien-CAD-)unsitte und eines ausgebildeten architekten unwürdig - der schließlich wissen muss!, dass fotos nur eine ersatzbefriedigung sind und einem realen 3-d-bauwerk nicht gerecht werden können....
Geändert hat sich offensichtlich nur eine gesteigerte Erwartungshaltung der "Höherschnellerweiter-Leser" vom Baunetz.