Inszenierung der Rekonstruktion
Ostflügel des Berliner Naturkundemuseums fertig
In München läuft zur Zeit die große Ausstellung „Geschichte der Rekonstruktion“ (Besprechung des Katalogs folgt). Nicht enthalten in der Münchner Ausstellung ist allerdings der originelle und eigenständige Beitrag, den das Büro Diener & Diener (Basel/Berlin) für den Wiederaufbau des Ostflügels des Naturkundemuseums in Berlin abgeliefert hat. Er wird heute abend offiziell eingeweiht.
Der Ostflügel war als eine der letzten Kriegsruinen in Berlin-Mitte über die Zeiten gekommen. Die dachlose Ruine hatte in mindestens vier Jochen der Ostfassade sein aufgehendes Mauerwerk durch Bombeneinwirkung ganz oder teilweise verloren, ebenso fehlten die Geschossdecken und Teile der Hoffassaden. Die jetzt gewünschte Nutzung von wissenschaftlichen Sammlungen verträgt keinerlei Tageslicht, so dass ein fensterloser Bau gefordert war. Andererseits gab es den städtebaulichen und architektonischen Wunsch, die „Leerstelle der Gebäudestruktur wieder zu ergänzen“ (Diener & Diener).
Aus diesem Spannungsfeld zogen die Architekten die zentrale Idee ihres Entwurfs: Die fehlenden Teile werden „weder nachgebaut noch rekonstruiert, sondern in Erinnerung an den Bestand neu gestaltet“, so die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher am Rande der Eröffnungsfeier. Oder, um es mit Roger Diener zu sagen: Die beiden weidersprüchlichen Ansprüche der Aufgabe wurden durch eine „Inszenierung der Rekonstruktion“ miteinander konfrontiert.
Dazu haben die Architekten die vorhandenen Fassaden ausgebessert und die bestehenden Fensteröffnungen mit einem erstaunlich ähnlichen Ziegel vermauert. Die fehlenden Teile der Fassade wurden dagegen mit geschosshohen Betonfertigteilen in einheitlich grauer Färbung ersetzt. Diese Fertigteile, von den Architekten auch als „Kunststeine“ bezeichnet, zeigen minutiös die Textur der ehemaligen Fassaden bis hin zu Mörtelfugen oder Fenstersprossen. Möglich wurde dies durch Abgüsse, die von gleichartigen vorhandenen Fassaden gemacht wurden und deren Negativabdrücke in Polyurethan als Schalung für die neuen Elemente dienten.
Im Inneren sind so die gewünschten lichtlosen, sechs Meter hohen Sammlungsräume für ca. eine Million Präparate entstanden. An den Außenfassaden sind die Ergänzungen der Jetztzeit schon allein durch Materialität und Farbgebung unschwer als jüngere Zutat zu erkennen, andererseits verblüffen sie den Betrachter durch ihre fast unwirkliche Detailgenauigkeit. Oder, wie Roger Diener sagt: Man hatte vor, „die Sehgewohnheiten zu irritieren“ – was gelungen ist.
Roger Diener stellte heute auch einen Bezug zu Hans Döllgasts Wiederaufbau der Alten Pinakothek in München her. Zunächst erweist er dem Meister seine Ehre: „Döllgast ist das leuchtende Beispiel für eine Rekonstruktion, die nur dem Notwendigen verhaftet“ sei. Doch stellt er auch Unterschiede fest: „Wie Döllgast haben auch wir das Ziel, ergänzte von erhaltenen Teilen unterscheiden zu können. Doch Döllgast arbeitete roh und unvollständig. Diese Geste des Verzichts schloss immer eine mögliche spätere komplette Vollendung ein“ (wie es, möchte man hinzufügen, ja auch bei der Allerheiligenhofkirche an der Münchner Residenz passiert ist, die zeitlich deutlich nach Döllgasts Notmaßnahme wieder neu gewölbt wurde). Weiter Diener: „Wir streben nicht einen unvollendeten Zustand an. Wir verweigern eine Rekonstruktion des früheren Zustands nicht (nur), wir schließen sie aus!“
Gleichzeitig betont Diener, anders als Döllgast, kein verallgemeinerbares Prinzip der Rekonstruktion aufgestellt zu haben. „Unsere Lösung ist ein Einzelfall, die aus den bestimmten Bedingungen dieser einzigen Aufgabe entwickelt würde. Diese Lösung ist nicht reproduzierbar, sie hat keine Gültigkeit über den Fall hinaus.“ (-tze)
DIESE idee ist klasse !
ein mutiger und witziger beitrag zu denkmalschutz und rekonstruktion. mein wunsch: zu erfahren, wieso es sich hier um einen absoluten einzelfall handeln soll. es klingt glatt so, als hätte man angst vor nachahmern. wieso eigentlich? meinetwegen könnte man glatt das ganze berliner stadtschluss als betonabguss nachstellen. und den momentan zerstört werdenden stuttgarter haptbahnhof genauso wie die dresdner, kölner, frankfurter sowie diverse andere altstädte gleich mit. ein mock-up quasi, ein 1:1-gipsmodell der vergangenen stadt, nach der sich unsere zeit ach so sehnt. das wäre dann schön ehrlich, ein guter kompromiss, wie ich finde, und dem original nicht unähnlicher als die ganzen schloss- und baudenkmalattrappen, die sich heute landauf-landab bewundern lassen.