Provokationen auf den Tisch legen
Okwui Enwezor über Chipperfields Pläne im Haus der Kunst
Seitdem David Chipperfield Architects im Jahr 2013 mit der Grundinstandsetzung des Hauses der Kunst in München beauftragt wurden, wird diskutiert. Vor allem um den richtigen Umgang mit dem Bauwerk, das von Paul Ludwig Troost entworfen und 1937 als repräsentativer Monumentalbau des sogenannten Dritten Reichs eingeweiht worden war. Für Aufregung sorgt unter anderem die Tatsache, dass die Architekten vorschlagen, die Baumallee vor dem Eingang zu fällen.
„Offen gesagt, interessieren mich die Bäume gar nicht so sehr“, sagte nun der Direktor des Hauses der Kunst Okwui Enwezor in einem von der FAZ am Samstag veröffentlichten Interview. Man könne nicht in eine wichtige Diskussion eintreten, ohne zuerst ein paar heilige Kühe zu schlachten. Der Vorschlag, die Bäume zu fällen, mache es möglich, über Unaussprechliches zu sprechen. Es sei geradezu eine Pflicht des Architekten, auch Provokationen auf den Tisch zu legen, so Enwezor.
„Wenn Sie Chipperfields Vorschlag für die Universalbühne ansehen, werden Sie merken: Wir wollen nichts Spektakuläres, sondern im Gegenteil das Anti-Spektakuläre.“ An architektonischen Gesten wie einer Spaltung des Hauses in zwei Teile sei er nicht interessiert, denn sie seien „zu offensichtlich“ und wirkten „rasch lächerlich“.
Anlässlich der Entscheidung des Aufsichtsrates, einen zweiten Geschäftsführer für das Haus der Kunst zu installieren, äußerte sich der Direktor im Gespräch mit der FAZ auch über die finanzielle Lage des Hauses sowie über die geplante inhaltliche Neuausrichtung nach der Instandsetzung. Enwezor erklärte, er wolle einen Raum der Kultur mitten in München schaffen. In der Stadt fehle Raum für experimentellere Formate, für Theatergruppen und Musikensembles, für Debatten und Diskussionen. Für ihn stelle sich die Frage: Wie nutzt man ein so gigantisches Gebäude in produktiver Weise, so dass die Neugier des Münchner Publikums stimuliert wird? Man könne ein solches Haus nicht renovieren und dann das tun, was man schon immer gemacht hat, sagte er.
Anfang Juli hat das Haus der Kunst dem Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst eine Ergänzung zum Bauantrag vom März 2010 vorgelegt. Die Ergänzung der noch vom damaligen Direktor Chris Dercon formulierten Aufgabenstellung berücksichtigt die inhaltliche Neuausrichtung der Institution unter Okwui Enwezor sowie Erkenntnisse aus den planungsvorbereitenden Studien von David Chipperfield Architects und der Machbarkeitsstudie der auf kulturelle Institutionen spezialisierten Beratungsgesellschaft AEA Consulting. Eine Bestätigung des Bauantrags inklusive eines aktualisierten Termin- und Kostenrahmens wird im Frühherbst 2017 erwartet, heißt es aus der Pressestelle des Hauses der Kunst. (fm)
Ist schon sehr billig, hinterher zu sagen, das war eine Provokation.... Wenn das das Niveau ist, dann Gute Nacht.
"Man könne nicht in eine wichtige Diskussion eintreten, ohne zuerst ein paar heilige Kühe zu schlachten. Der Vorschlag, die Bäume zu fällen, mache es möglich, über Unaussprechliches zu sprechen."
das ist halt eine renovierung und sanierung, muss man da ein anti-drittes-reich statement draus machen? statt einfach die substanz zu übernehmen, dann kommt wieder ein gedenkstein hin und gut ist.
sonst passiert jahre NICHTS
Ist München ein Provinznest, wo es noch keinen "Raum für Kultur" gibt. Ganz was Neues.
Mir kommt es so vor, dass Leute, denen selber nichts einfällt, immer gerne nach dem Anderen, dem Experimentelle usw. rufen - hat er das Konzept von Lilienthal an den Kammerspielen geklaut? Seit Chris Dercon weg ist, ist im HdK nichts Wesentliches mehr veranstaltet worden. Dafür sickert Geld in dubiose Kanäle, der ganze Haussegen hängt schief. Vielleicht sollte man erst einmal im Inneren und in den Strukturen kräftig roden, bevor man sich an einen Kahlschlag außen macht.