San Riemo kommt aus Zürich
Offener Realisierungswettbewerb in München-Riem entschieden
Wohnen in der Großstadt – derzeit gibt es wohl kein heißeres Thema, zumindest wenn man sich für Architektur und Stadtentwicklung interessiert. Zu wenig, zu teuer und an den Bedürfnissen vorbei, lauten die Vorwürfe. Die 2015 gegründete Münchner Initiative KOOPERATIVE GROSSSTADT eG will es besser, mindestens aber anders machen und erwarb deshalb in München-Riem ein 1.220 Quadratmeter großes Grundstück im Bereich des Bebauungsplans Messestadt Riem Zentrum Ost. Im April wurde ein offener, einphasiger Realisierungswettbewerb ausgelobt, dessen Ergebnisse jetzt vorliegen.
62 Architekturbüros beteiligten sich an der Ausschreibung für den südlichen Teil des Grundstücks, an der Nordseite bauen zwei weitere Genossenschaften: die WOGENO München eG und wagnis eG, letztere bekannt geworden mit dem preisgekrönten Wohn- und Kunstprojekt wagnisART. Ähnlich ambitioniert ist auch das San Riemo getaufte Projekt der Großstadt-Kooperative. Es ist, entsprechend ihren Grundsätzen, als forschendes Vorhaben angelegt, die eingereichten Vorschläge sollten sich dabei gezielt mit den Möglichkeiten des Wohnungsbaus innerhalb und an den Grenzen des gegebenen Regelwerks auseinandersetzen. Die quantitative Maßgabe war, 29 Wohnungen für rund 100 Bewohner sowie eine Ausbildungswerkstatt im Erdgeschoss zu schaffen, qualitativ sollten Varianten für das Basis-, Filial- und Nukleuswohnen sowie für Wohngruppen entwickelt werden werden.
Die hochkarätig besetzte Jury aus Christian Inderbitzin (Vorsitz, EMI Architekten), Anne-Julchen Bernhardt (BeL Architekten), Lisa Yamaguchi (Meili, Peter Architekten) in Vertretung für den verhinderten Jan de Vylder, und Martin Steinmann (Architekt, Publizist, Architekturhistoriker, Prof. em. EPF Lausanne) vergab in einer öffentlichen Sitzung – ein Novum im deutschen Wettbewerbswesen – Mitte Juli drei Preise und fünf Anerkennungen.
- 1. Preis: ARGE Tim Schäfer, Pablo Donet Garcia und Tanja Reimer, Zürich
- 2. Preis: SUMMACUMFEMMER und Juliane Greb, Leipzig
- 3. Preis: Lütjens Padmanabhan Architekten, Zürich
Anerkennungen:
- Fthenakis Ropee Architektenkooperative, München
- Löser Lott Architekten, Berlin
- Adrian Dorschner, Tobias Kahl, Jan Meier, Lena Unger, Leipzig
- Schürmann + Schürmann Architekten und Stephan Schürmann, Marie-Helene Witry, Stuttgart/Zürich
- FAM Architekten & Buero Kofink Schels, München
Der zweite Preis, die Einreichung von SUMMACUMFEMMER und Juliane Greb, suche Freiheit und Flexibilität in der Variation einer sehr einfachen, dreibündigen Struktur. Ihr architektonischer Ausdruck pendle zwischen generischer Direktheit und kompositorischer Freude. Lütjens Padmanabhan Architekten erhalten den dritten Preis für einen Entwurf, der nach Konvention und Experiment sortiere und letzteres selbstbewusst in plakativer Sichtbarkeit zur Südseite des Gebäudes ausstelle. Alle drei Preise stehen stellvertretend für die immense Bandbreite an architektonischen und gedanklichen Ansätzen, so das Juryfazit. Die Fertigstellung ist für Mitte 2020 geplant. (kat)
Fotos: Sascha Kletzsch, Sebastian Scheels
Alle Pläne und auch die Entwürfe der engeren Wahl unter: www.kooperative-grossstadt.de
Mehr über die Kooperative Großstadt außerdem auf der Shortlist 2017 in der Baunetzwoche#478
Brüstungen aus Glas, überhaupt ein hoher Anteil an verglasten Flächen, aufwendige Treppenskulpturen, großflächige Sichtholzausbauten, etc. Es wäre interessant zu wissen, wie das mit den Kosten für einen Genossenschaftsbau in Einklang gebracht werden soll. Dabei viel Glück und Erfolg! PS: Die Situierung des Cafés ist, wie auch bei einer der Anerkennungen, absolut richtig zum Platz bzw. zur Kreuzung hin orientiert! Sehr schön.
Der 1. Preis kann sicherlich Punkten, ohne dass ich jedoch eine Prise "Revolution" erkennen kann. Andere preiträger schlagen gar keinen Balkon vor. Das erschließt sich mir keineswegs. Das wettbewerbsverfahren an sich sei jedoch vom blatte her erst einmal angepriesen.
zur laubengangerschließung gibt es doch sicherlich genug lektüre, dass man auch lösungen findet, bei der wohnräume nicht unbelichtet im inneren liegen.
Die Vorschläge Ausdruck und Grundrissgestalt bewegen sich tatsächlich nicht im Bereich des gewohnten Standard-Wohnungsbaus. Ebenso sind sie alle konzeptionell, abstrakt dargestellt. Für einen Wettbewerbsstand finde ich das ebenfalls passend. Insgesamt wünsche ich mir viel mehr solche Verfahren. In denen offen für alle Teilnehmer nach sachlich fortschrittlichen Lösungen gesucht wird. Die sich wiederholenden Investoren-, Luxus-Eigentum- oder Massenwohnungsbauten brauchen endlich Gegenspieler. Hervorragend! Über die (postmoderne) Formensprache lässt sich streiten.