Archiv der Avantgarden
Nieto Sobejano gewinnen Wettbewerb in Dresden
Historische Bausubstanz, 1.900 Quadratmeter Nutzfläche, Garten, innerstädtische Elbuferlage. Klingt nach einem super Standort. Trotzdem ließ der Freistaat Sachsen das Dresdner Blockhaus nach Flutschäden seit 2013 leerstehen. Doch das soll sich jetzt ändern. Nicht nur, dass eine Nutzung gefunden ist – das Archiv der Avantgarden soll einziehen – auch ein architektonisches Konzept liegt auf dem Tisch. Nieto Sobejano (Madrid/Berlin) gewannen einen entsprechenden Wettbewerb zum Umbau. Ihr Vorschlag krempelt das Blockhaus innen völlig um.
Sein historisches Gesicht wird das 1732 von Zacharias Longuelune als Wachgebäude errichtete, im Krieg zerstörte und in den 1980er Jahren wieder aufgebaute Haus in der Dresdner Neustadt behalten. Denkmalschutz. Aber innen! Geht es nach Nieto Sobejano, wird dort schnörkelloser, grauer Sichtbeton in Form eines riesigen, in der Mitte schwebenden Betonwürfels einziehen. „Betonblöcke fürs Blockhaus“, titelte die Sächsische Zeitung nach der Verkündung des Wettbewerbsergebnisses.
Insgesamt 103 Büros hatten sich um eine Teilnahme an dem vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement ausgelobten Realisierungswettbewerb beworben. Elf Büros, darunter die Erst- und Zweitplatzierten, waren gesetzt, 24 weitere wurden aus den Bewerbern ausgewählt. Ihre Aufgabe: innerhalb der denkmalgeschützten Hülle ein Programm entwickeln, das Archiv, Forschung und Ausstellung zum Archiv der Avantgarden vereint. Es gilt, 1,5 Millionen Objekten aus dem 20. Jahrhundert Raum zu geben – eine Schenkung des deutsch-italienischen Kunstsammlers Egidio Marzona an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Darunter befinden sich Skizzen und Collagen, Plakate, Fotografien und Filme, aber auch Kataloge und Zeitschriften.
Vergangene Woche entschied die Jury aus freien Architekten, dem Stifter Egidio Marzona, externen Fachleuten aus dem Museums- und Kunstbereich, Vertretern der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Stadt Dresden und des Sächsischen Immobilien- und Baumanagements unter Vorsitz von Arno Lederer, der auch beim Wettbewerb für das Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin den Hut aufhatte, folgende Reihenfolge:
- Preis Nieto Sobejano Arquitectos, Madrid/Berlin
- Preis Schulz und Schulz Architekten, Leipzig
- Preis Wandel Lorch Architekten, Saarbrücken
Anerkennungen:
- Rohdecan Architekten, Dresden
- Riegler Riewe Architekten, Berlin
- Diener und Diener Architekten, Basel
Der mit 49.000 Euro dotierte erste Preis geht an die Museumsspezialisten von Nieto Sobejano. „Ein massiver Betonkörper – schwebend im leergeräumten bestehenden Blockhaus – bildet das Kernstück des Archives, ein verborgener Schatz, als unvermeidliche Präsenz der Vergangenheit. Eine radikale architektonische Setzung, die einen erhabenen, lichtdurchfluteten und symbolträchtigen Raum erzeugt“, so das Urteil des Preisgerichts.
Doch auch wenn das Gesamtpaket zu stimmen scheint, so muss es doch laut Juryprotokoll kontrovers zugegangen sein. Sowohl die Monumentalität als auch die Angemessenheit des Ausstellungsraumes stießen auf Kritik. Fazit: „Die große Flexibilität des offenen zusammenhängenden Ausstellungsbereiches wird gewürdigt, die Anmutung erscheint jedoch zu sakral.“ Offen ist daher, ob der Entwurf in der Form tatsächlich realisiert wird. Die Jury: „Das Projekt erkauft seine Radikalität durch eine denkbare, aber aufwändige Tragkonstruktion, die hinsichtlich der notwendigen Eingriffe in den Bestand verifiziert werden muss.“
2021 wird als Einzugstermin der Kunstsammlungen angepeilt. Ob das gelingt? Es ist eben keine leichte Aufgabe, im historischen Ambiente zwischen Goldenem Reiter und Augustusbrücke, Semperoper und Frauenkirche radikal Neues zu schaffen. Obwohl es die moderne Kunst vielleicht verdient hätte. (kat)
Die Wettbewerbsergebnisse sind noch bis Sonntag, 18. Februar (Di–So 10–18 Uhr) im Japanischen Palais in Dresden zu sehen.
welcher Beitrag stammt denn von Ihnen? Damit alle mal verstehen können was aus Ihrer Sicht an dem Ort angemessener wäre?
Auch ich schliesse mich den Vorrednern an: Ein tolles Konzept. Chapeau, So muss das sein. Der 1. Preis ist es. ....leider leider bin ich aber zu sehr im Thema drin. ...ein ebenso erfolgreicher Wettbewerbsarchitekt.
Bei diesem Wettbewerb befinden wir uns jedoch in einem sehr engen Korsett. Es geht "lediglich" um einen INNENRAUM (und zugegebenermassen um einen spektakulären Aussenraum an der Elbe, der hier beim 1. Preis keine nötige Synergie mit dem Innenraum erhält), den es galt, neu zu gestalten. Das meint, dass meine ellenlange (Entschuldigung für die dadurch enstandene etwaige Langeweile) Auflistung von Details in der Summe (!!!!) sehr beträchtlich erscheint. Gar so sehr, dass die Summe der einzelnen Teile dazu führen, den 1. Preis ernsthaft zu hinterfragen. Dazu muss man aber eben auch als Aussenstehender die Fakten wissen. Diese habe ich versucht, hier einmal zu hinterlegen. Beispiel Brandschutz. Ich hasse den Begriff, wenn ich versuche einen ausserordentlichen Ort zu kreieren. Aber hier spielt das schon mal eine gewisse Rolle, denn durch eine etwaige spätere Ausführung könnte sich der hier dargestellte Minimalismus so sehr verändern, dass die gewünschte Skulptur nicht mehr so erfahrbar wäre. Das bedeutet nicht, dass ich das Büro sehr schätze (!!!), das bedeutet nicht, dass ich die Präsentation als sehr gelungen ansehe, dass ich das Rendering in seiner stimmigen, minimalisteischen Aussage grossartig finde. Es geht mir persönlich vielmehr um die Frage, OB ein Archiv (kein Museum, keine Kirche) der Avantgarde konzeptionel so richtig erscheint, wenn die Präambel (und nicht nur die) folgendes zu umschreiben versucht (ich wiederhole nun diese, sorry): Ziel ist es, in zentraler Lage der Innenstadt Dresden das anvertraute Archiv Egidio Marzonas in eine lebendige, eine interdisziplinäre, globale und zukunftsweisende Institution zu uberführen, die das visionäre Gedankengut des 20. Jahrhunderts erlebbar macht und sich zugleich für neue wissenschaftliche Fragestellungen im 21. Jahrhundert öffnen wird. Das Archiv wird für das wissenschaftliche Publikum ebenso wie für Interessierte geöffnet, es soll ein transparentes und offenes “Denk-Labor“ entstehen. Ist dies also dann ein Ort der Kommunikation. der Diskussion. Ein Denk-Labor. Ist es Lebendig? Oder sieht es aus wie ein Ort der Ruhe? ein sakraler Raum? Ein Museum? Eine Skulptur in einer Skulptur? Sehr gerne höre mich weitere Meinung hierzu an, denn weiss Gott: Ich kann ja auch nur einfach falsch liegen mit meiner Kritik.
Es ist ein tolles Konzept und einer starken Aussage. Das was Architektur eigentlich immer sein sollte. Und sorry, wenn ich mich in meinem Leben immer an Regeln gehalten hätte (e.g. Raumprogramme) wäre ich sicher weder so zufrieden, noch so erfolgreich, wie ich jetzt bin.
Hier seitenweise den Beleidigten zu spielen macht echt keinen Sinn. Wenn euch das Wettbewerbswesen oder Gesetze und Verordnungen nicht passen, dann unternehmt etwas dagegen. Wozu sind eigentlich die Architektenkammern da?