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09.10.2020

Goldene Töne

Musikschule in Ventspils von haascookzemmrich Studio2050


Musik spielt in der lettischen Kultur eine große Rolle, Lettland sei ein singendes Land, heißt ein alter Spruch. Herzstück der lettischen Musik ist die Daina, eine Kunstform des Volksliedes, in der alltägliche Weisheiten in rhythmischen Vierzeilern verpackt sind. Entsprechend hoch ist die Bedeutung des kürzlich fertig gestellten Gebäudes: Eine Musikschule mit Konzertsaal für die lettische Stadt Ventspils. Entworfen wurde der Neubau vom Stuttgarter Büro haascookzemmrich Studio2050, lokaler Partner war Studio MSV aus Riga.

Ventspils – die Suchmaschinen spuken noch immer den deutschen Namen Windau aus – liegt an der lettischen Ostseeküste, 38.000 Menschen leben in der Hafenstadt im Westen Lettlands. Das neue Musikhaus Latvija befindet sich im Zentrum der Stadt, am Lielais laukums, einem lange vernachlässigten, windgepeitschten Platz. Im Zuge der Bauarbeiten wurde dieser ebenfalls umgestaltet. Die auf einem Sockel errichtete Musikschule sei dann auch als integraler Bestandteil dieser Stadtlandschaft konzipiert, so die Architekt*innen, die auskragende Form des goldfarbenen Daches eine Erweiterung der Topografie. Die hinterlüftete Gebäudefassade aus profilierten Keramikplatten soll sich gegen das markante Dach zurücknehmen. Sie erscheint im Schatten des Daches dunkel, wird erst in der Sonne durch Lasuranstrich und profilierten Formen lebendig.

Der 8.000 Quadratmeter große Bau bietet eine Reihe unterschiedlicher, öffentlich zugänglicher Aufführungsräume, darunter einen Theatersaal mit 150 Plätzen, eine Musikbibliothek, eine Außenbühne und ein Amphitheater. Mittelpunkt des 31 Millionen teuren Hauses ist der 600 Sitzplätze fassende, klassische Konzertsaal mit seiner riesigen Orgel, die in Zusammenarbeit mit dem Bonner Orgelbauer Johannes Klais entworfen wurde. Über ein großes Oberlicht ist es möglich, den Saal natürlich zu belichten. Die Innenräume selbst leben durch den Kontrast: die einfachen, geradlinigen Formen der Konzerthalle auf der einen Seite und die frei geformten Foyerflächen, die sich mit Balkonen und Terrassen zum Lielais Laukum öffnen, auf der anderen. Rings um das Foyer liegen Cafeteria, Musikbibliothek, Green Room, Aufnahmestudio und zahlreiche Unterrichtsräume mit markanten Kastenfenstern.

Teil des Entwurfs war es, den Energieverbrauch des Gebäudes im Betrieb so gering wie möglich zu halten. Dazu wurden Erdkanäle, dezentrale Lüftungsgeräte und umfassende Wärmerückgewinnung zu einem Energiekonzept kombiniert. Zusätzlich wirkt die „hochleistungsfähige Fassade“: Luftdicht, gut isoliert und opak gestaltet soll sie, zusammen mit der Dreifachverglasung, Energieverluste minimieren. Die Kastenfenster haben integrierte, vor Wind und Wetter geschützte Verschattungen und ermöglichen im Winter solare Gewinne als Wärmequelle zu nutzen. Die an der Fassade gelegenen, regelmäßig genutzten Klassenzimmer und Übungsräume sind mit dezentralen mechanischen Lüftungsgeräten mit integrierter Wärmerückgewinnung ausgerüstet, die in Betrieb sind, wenn eine natürliche Belüftung aufgrund der Witterung unmöglich ist oder die akustischen Anforderungen geschlossene Fenster verlangen. Auf diese Weise konnte auf Luftkanäle an Decken und in den Gängen verzichtet werden, so die Architekt*innen, was damit einhergehende Schallübertragung mindert.

Mit der Eröffnung im Sommer 2019 endete die lange Entstehungsgeschichte der Musikschule, 14 Jahre waren vom Wettbewerb bis zur Fertigstellung vergangen. Nach dem Wettbewerbsgewinn 2005 von Behnisch Architekten durch den verantwortlichen Partner David Cook wurde das Projekt nach der Finanzkrise nicht weitergeführt. Erst im Jahr 2014 konnte die Entwurfsphase, mittlerweile in der neuen Büropartnerschaft haascookzemmrich STUDIO2050, wieder aufgenommen werden. (kat)

Fotos: Adam Mørk


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