Japanisch Waldbaden in Bayern
Meditationshaus von Kengo Kuma bei Garmisch-Partenkirchen
Von Florian Heilmeyer
Es ist ein ausgesprochen stilles kleines Haus, das Kengo Kuma für das 5-Sterne-Hotel Kranzbach am Fuß des Wettersteingebirges entworfen und in Zusammenarbeit mit Studio LOIS (Innsbruck) realisiert hat. Kaum sichtbar scheint es sich zwischen die hohen Fichtenstämme zu ducken. Erst sieht es aus wie ein Holzstapel im Wald, dann wie ein Forstwirtschaftsgebäude oder eine Sauna. Man betritt es durch seine geschlossene Seite, wo die Bretter aus Weißtanne so gegeneinander verdreht sind, dass sie wie geflochten wirken oder an einen Tannenzapfen erinnern. Ein erster kleiner Raum dient als Umkleide und für die Teezeremonie. Der Hauptraum öffnet sich an drei Seiten mit raumhohen Glasscheiben zum Wald. Man steht auf Eichendielen, über dem Kopf finden die verflochtenen Weißtannenbretter ihre Fortsetzung. Einziges Einrichtungsstück: ein großer, runder Gong.
Bislang hatte die Hoteliersfamilie Edinger alle Um- oder Anbauten am Schloss selbst durchgeführt: David Edinger, der Sohn des Hoteliers Jakob Edinger, ist Architekt. Als aber die Idee mit dem Meditationshaus aufkam, war der Wunsch nach einem fernöstlichen Meister groß. Die Wahl fiel auf Kuma. In seiner Architektur fanden die Edingers den gesuchten Respekt vor Natur und Landschaften, den sie sich vorstellten. Eine japanische Mitarbeiterin schrieb einen Brief an Kuma, und der ließ sich überzeugen. Eine Geistesverwandtschaft habe er mit den Edingers gespürt, sagt Kuma heute, vielleicht war es aber auch einfach eine schöne Nebenbeschäftigung: Gerade erst wurde sein V&A-Museum in Dundee eröffnet, im Herbst 2019 soll das Olympiastadion in Tokio fertig werden.
Die Entstehungsgeschichte wirkt herrlich entschleunigt: Zwei Stunden seien Jakob Edinger und Kengo Kuma ums Hotel Kranzbach spaziert, heißt es, dann blieb der Japaner mitten im Wald stehen: „Hier ist es. Hier bauen wir.“ Der Bauplatz liegt zwar nur fünf Gehminuten von der Rezeption entfernt, aber doch so tief hinter den Baumstämmen, dass man die Schlossbauten des Hotels nicht mehr sieht. 1915 waren sie nach Plänen der Architekten Detmar Blow und Fernand Billerey für die Engländerin Mary Isabel Portman errichtet worden, später lange von der evangelischen Kirche genutzt, 2003 von den Edingers gekauft.
Der Bauplatz wurde so abgesteckt, dass möglichst wenige Bäume gefällt werden mussten. Diese wurden im Winter gehauen, so konnten sie über eine dicke Schneedecke und mit einem Pferd möglichst umweltschonend aus dem Wald gezogen werden. Schon zur Eröffnung waren quasi keine Spuren der Baustelle mehr im Wald zu sehen. Auch wenn die Bäume und vielen Bretter am Haus einen Holzbau suggerieren: Unter dem Holz versteckt sich Stahl, damit der große Raum so pfeilerfrei und offen wie möglich konstruiert werden konnte.
Die „Harmonie mit dem Wald“ sei ihm besonders wichtig gewesen, sagt Kuma, und so wie der Wald einen vielschichtigen Filter für Licht und Luft darstellt, so soll auch sein Haus die Eindrücke filtern. Man kann eine große Schiebetür öffnen, dann gelangen auch die Geräusche und Gerüche hinein, und es entsteht wirklich so etwas wie das „Waldbaden“ – das Shinrinyoku, das in Japan seit den 1980ern als Therapie für Großstädter entdeckt wurde.
Im ARCHlab-Video erklärt Kengo Kuma seinen Entwurf für das Projekt Z58 in Shanghai. Die Videoreihe ARCHlab ist eine Koproduktion von BauNetz und Prounen Film, mit freundlicher Unterstützung des Goethe Instituts und der Firma GIRA. Alle Videos sind wahlweise in Originalfassung oder mit deutscher und englischer Synchronisation abrufbar. Mehr Filme gibt es hier.
Frage mich nur wie die Hoteliers die Baugenehmigung im Wald erhalten haben?
Übrigens: Bäume werden im Wald üblicherweise im Winter gefällt (da im Sommer verboten) und das mit dem Pferd ist auch nicht unüblich.
Ich habe nämlich das Gefühl, dass ein guter Teil der verzahnten Bretter konstruktiv gar nicht 'wirksam' ist, d.h. aus statischen Gründen gar nicht benötigt werden würde und wie eine bizarre Sonderform einer 'abgehängten Decke' erscheint. Das fände ich schade. Oder übersehe ich hier etwas?
Ansosnten ein sehr schönes Haus.
Fußbodenheizung mitten im Wald. Naja gut. Meditation de Luxe eben.
Was mich stört ist die Mär des behutsamen und nachhaltigen Umgangs mit dem Wäldchen bei diesem Bauvorhaben.
Und bei Kommentar 2 gehen mir dann entgültig die Pferde durch:
Jetzt mal Butter bei die Fische:
Mit dem Pferdefuhrwerk im Winter die erlegten Bäume aus dem Wäldchen ziehen, dann aber später im Frühling und Sommer mit großem Gerät Beton anmischen, Dachstuhl aus Stahl mit Kranwerk stellen und anschließend mit Abdichtungsbahnen von der chemischen Bauindustrie die Hütte dicht machen - damit der gestresste Großstadtbewohner beim Yoga im Wald keine kalte Füsse bekommt....
Einzig bewundernswert bleibt die Fähigkeit der Naivität des Meschen und die Mär der Nachhaltigkeit...