Share-Stadt Schwabinger Tor
Max Dudler in München
Von Daniel Felgendreher
Im Norden Münchens entsteht ein neues Stadtquartier: Das Schwabinger Tor an der Leopoldstraße. Max Dudler realisiert mit einem freistehenden Stein-Hochhaus quasi den Leitbau eines Masterplans, der von 03 Architekten erarbeitet wurde. Er wird im Quartier noch drei weitere Baufelder mit Wohn-und Geschäftsgebäuden füllen. Mit Blick auf das Luftbild des zukünftigen Gebietes glaubt man fast, es seien noch mehr.
Das liegt vermutlich an Dudlers Signature-Fassadengestaltung, in die auch bei diesem Gebäude alle Entwurfsenergien geflossen sind, und die für die restlichen Gebäude Leitcharakter zu haben scheint. Ein Wechselspiel von geraden, feingeschliffenen und abgeschrägten, gröberen Fassadenelementen aus Naturstein generiert die plastische Gestalt eines perforierten massiven Baukörpers – eine Wirkung ähnlich der „Bossierung einer Renaissance-Fassade“, wie Dudler erklärt. Die Fensterlaibungen sind verblendet, sodass von außen nur Stein und Glas sichtbar sind. Es hat beim Steinmetz-Sohn Dudler Tradition, einen lokalen Stein für seine Fassadenreliefs zu verwenden und damit seine Gebäude im Sinne eines kritischen Regionalismus zu kontextualisieren. Diesmal ist es Travertin: ein feinporiger, beiger Naturstein, der irgendwann einmal in München Verwendung fand und die Farbgestaltung der Leopoldstraße aufnimmt.
Für wen baut Dudler hier? Das Schwabinger Tor ist natürlich kein gewöhnliches Stadtquartier, nein. Der Bauherr bewirbt es mit einem trendigen Alleinstellungsmerkmal: als erste „Share-Stadt“ der Welt. Was das wirklich bedeutet, verschweigt er. Der referenzierte Anglizismus, den wir von der „Sharing-Economy“ kennen – also Ressourcen und Güter zu teilen statt zu besitzen –, evoziert aber unweigerlich Bilder von Technologie-affinen Millennials, die über ihre Smartphone-Apps Bohrmaschinen gegen Altkleider tauschen. Von Penthouse bis „Talent“-Apartment: Gemäß dem Leitspruch „Talente, Teilen, Toleranz“ sollen hier junge, erfolgreiche und am besten kreative Leute wohnen. Sharing? Vor allem Kunst und Kultur. Die einen konsumieren, die anderen produzieren sie.
Man wird das Gefühl nicht los, es konkurrieren hier zwei verschiedene Referenzsysteme: Dudler mit der Renaissance und seinem statischen Stein-Regionalismus, und der Bauherr mit seinen Vorstellungen der Tech-Welt der Millennials im Flux. Hat Dudler eine passende Antwort gefunden? Es bleibt abzuwarten, ob seine rationale, archaische Steinarchitektur und der Lifestyle der hippen Share-Klientel „ein Match“ sind. Oder ob letztendlich doch andere Leute einziehen werden. (df)
Fotos: Stefan Müller
Visualierung: form3d
Die Kritik am Grundriss bezieht sich wohl auf das EG mit seinen Fluchtfluren aus dem zentralen Treppenhaus und den rückwärtigen Fluchtwegen aus den Läden. In den Obergeschossen gibt es am Kern m. E. nicht viel zu rationalisieren. Die Innenraumfotos der Wohnungen zeigen, in welch angenehmes Licht sie getaucht sind und wie gut gesetzt die Wandöffnungen und Ausblicke sind. das ist beileibe nicht selbstverständlich, wie andere aktuelle "Luxus"-Wohnungs-Hochhaus-Projekte zeigen.
Dass der Bau selbst, die Erklärung des Architekten und das Verkaufs-Geklingel des Investors drei grundsätzlich verschiedene Dinge sind, mag ja wohl niemanden überraschen. Ich philosophiere doch nicht über das Großgedruckte auf Keksdosen!
Was ist der Kern der Veranstaltung? Steinerne aber nicht unfreundliche, im wesentlichen gut gegliederte städtische Häuser, die zu einem offenen, städtischen Ensemble gruppiert sind und an diesem Ort ein hochwertiges Angebot an öffentlichen Räumen schaffen. Dazu tragen Läden und Restaurants im Erdgeschoss bei. - Wie kann man sich über diese Nutzungszuordnung ernsthaft beschweren? Wie hoch der Anteil geförderten Wohnens ist, weiß ich nicht, aber es soll ihn nach Aussage des Investors im ganzen Viertel geben. Dass die übrigen Wohnungen eher im Hochpreissegement angesiedelt sind, mag niemanden überraschen. Diese Qualität hat eben ihren Preis. Ich gönne den Mietern und Käufern das Glück, hier für ihr Geld einen echten Gegenwert zu erhalten.
Ich sehe in dem Gebäude und dem ganzen Vorhaben einen hohen städtischen und architektonischen Anspruch, der bei den bisher fertig gestellten Gebäuden eingelöst wurde.
Das Gebäude kann auch in Shanghai stehen. Eine Bindung zu München sieht man kaum, auch wenn die Steinplatten der Fassade aus der Region stammen. Leider werden die anderen Häuser im Bezirk eine ähnliche Sprache widerspiegeln. Kritisch sind die sehr geizige urbane Geste der Stadt und den Bürgern gegenüber. Ein Resultat der Anordnung dieser Häuser folgt auch einer typischen Money Making Machine Planung: Geschäfte im EG und irgendetwas in den oberen Geschossen. Verfolgen wir heute nur Geld oder kann man gute Geste und Treffpunkte für die Bürger in der Stadt noch schaffen?
Und zum Gebäude: Dudler sollte sich mal mit dem Core Design großer Häuser auseinandersetzen - das hier ist alles andere als effizient (eher amateurhaft). Und bevor hier wieder alle schreien, dass es nicht nur um Flächenoptimierung und Rationalsierung gehen kann: Die Quadratmeter, die man hier noch hätte rausholen können, wären u.a. auch den Wohnungen und Büroeinheiten zugute gekommen - und das ist nicht nur im Interesse des Projektentwicklers und Bauherren, sondern auch des späteren Nutzers.
Wer ein weiteres Beispiel dafür braucht, dass für Dudler hier noch viel Luft nach oben ist, sollte sich den Entwurf für das Wohnhochhaus Stiftstraße in Frankfurt anschauen.