Wärmedämmung versus Schönheit
Mäckler und Palmer diskutierten in Berlin
Die beiden Protagonisten waren als Antipoden angekündigt worden: Hier der Architekt Christoph Mäckler, der mit seiner Düsseldorfer „Konferenz der Schönheit“ als kompromissloser Streiter wider die Wärmedämmverpackung unserer Häuser hervorgetreten war, und da der grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, ein smarter Redner, der zuletzt bei der Stuttgart 21-Schlichtung aufgefallen ist. Er wolle alle historischen Häuser in der Tübinger Innenstadt verpacken, ästhetische Mängel nehme er dabei als Kollateralschäden hin – schließlich sei der Klimawandel nun mal unästhetisch.
So etwa hatte der Veranstalter, die Bundesstiftung Baukultur, die beiden Redner gegeneinander positioniert. Doch gestern Abend im Berliner DAZ haben sich beide zurückgenommen und zunächst einmal ihre Gemeinsamkeiten hervorgehoben.
Mäckler gab sich nicht als donnernder Anwalt der Ästhetik, sondern als nachdenklicher Wissenschaftler, der mit seinem Institut an der Uni Dortmund forschend auf die unbestrittene Herausforderung des Klimawandels reagiert. Seine beiden ersten Punkte galten dann auch nicht der Schönheit, sondern der städtischen Dichte und der Dauerhaftigkeit des Bauens (den Begriff Nachhaltigkeit lehnt er ab). Hier seien die größten ökologischen Effekte erreichbar – viel mehr, als durch Fassadendämmung je einzusparen sei.
Allerdings bekam die Baustoff-Industrie durchaus ihr Fett weg: Ein bestimmtes Passivhaus-Wandsystem bezeichnete er als Sondermüll, und „unsaubere Konstruktionen wie Wärmedämmvollschutz sollten vom Gesetzgeber verboten werden“. Erst beim dritten Punkt kam er auf die Schönheit. Mit Blick auf die oft im Vorher-Nachher-Beispiel publizierten Dortmunder Siedlungshäuser an der Kronprinzenstraße, wo reich geschmückte Klinkerfassaden brachial abgeschlagen wurden, um durch Wärmedämmsysteme ersetzt zu werden, sagte er: „Wer Häuser zerstört, zerstört unser baukulturelles Erbe“, der „fördert Geschichtslosigkeit und Tristesse“.
Boris Palmer hingegen „erlaubt sich, anderer Meinung zu sein“. Er zitierte den „großen Ästheten“ Brecht mit der Feststellung, erst komme das Fressen, dann die Moral: Eine warme Wohnung sei wichtiger als eine schöne Außenfassade. Palmer relativierte aber seine früheren Äußerungen zur flächendeckenden Verpackung: Bei einem Denkmalobjekt verbiete sich WDVS von selbst. Aber bei Standardgebäuden etwa des Nachkriegswohnungsbaus sei er auf „Lösungen von der Stange“ angewiesen, auch wenn diese zugegebenermaßen „keine ästhetische Verbesserung ergeben“.
Am Schluss erklärte Palmer noch, wie es dazu gekommen ist, dass er in der Öffentlichkeit als der „baukulturfeindlichste Oberbürgermeister Deutschlands“ wahrgenommen werde. Das gründe auf ein Aufeinandertreffen bei eben jener Düsseldorfer Schönheits-Konferenz: „Mäckler hat mir da den Kollhoff vor die Nase gesetzt, und der hat mich so in Wallung gebracht, dass dabei zitierfähige Sätze herausgekommen sind, die mir seitdem immer vorgehalten werden“. Entspanntes Gelächter im Publikum, und das Saallicht ging wieder an. (-tze)
Leider endet bei vielen der Begriff "energetische Sanierung" darin, Wärmedämmung auf eine Hauswand zu kleben.
Wo bleibt der ökologische Sinn, auf eine Wand eines Gebäudes, welches noch 30 Jahre wirtschaftliche Nutzungsdauer hat, Energie für 50 Jahre in Form eines WDVS aufzukleben?
Im Altbaubereich gibt es oftmals ökologischere und wirtschaftlichere Lösungen.
Wir sollten gewiss nicht alle, sondern einen guten Teil unserer Bauten als Kulturgut sehen und auch so behandeln.
Ich meine damt nicht, einfach nichts zu machen, sondern mit Konzept, mit Ideen etc. jeweisl auf das betreffende Gebäude.
Schliesslich könnte man bei richtiger Herangehensweise ja vielleicht auch eine ästhetische bzw. kulturelle Verbesserung erreichen?
Ansonsten bin ich mir absolut sicher, dass wir auch an diesem Punkt einfach viel zu "klein" denken.
es gab einen klugen SZ-artikel dazu letztens, indem zB die frage aufgeworfen wurde, wieso wir alle räume immer schön auf 21 grad heizen sollten, statt auch mal im winter einen wärmeren pulli anzuziehen. die sache mit dem passivhaus weit draussen vor der stadt und dem täglichen arbeitsweg per SUV ist ebenfalls bekannt...
ist doch ganz klar das wir die häuser nur noch in polysterol einpacken müssen, wenn wir nur noch darüber nachdenken, wie wir möglichst teuer 300 m² wohnungen für alleistehende juppis in baugruppen bauen oder ausbauen, die dann aussehen wie auf raumschiff enterprise, möglichst an nichts sparen und mit technik vollstopfen aber dann den letzten dreck an die fassade kleben, den kann man dann schön mit holzlatten verkleiden oder besser mit eternitplatten, das sieht auch sehr schön aus. nur was, wenn der ganze sondermüll dann wieder runter muss und wohin damit und die konstruktionen darunter, die fünktionieren doch nur mit dem chemokram davor... schade das die architekten aber auch die politiker sich von der industrie so vergaukeln lassen, es lebe das mittelmaß. oh was ich noch vergessen habe, dreifachfenster sind auch ganz wichtig, bitte alle fenster austauschen!