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19.09.2017

Silo, (post)kolonial

MOCAA in Kapstadt eröffnet diesen Monat


Die Eröffnung ist am 22. September, doch schon jetzt wurde das große Geheimnis gelüftet: Nachdem bislang nur Außenaufnahmen des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt publiziert werden durften, wurden nun erste Bilder des Innenraumes veröffentlicht.

Neun Geschosse, sieben davon öffentlich zugänglich. 6.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in 80 Galerien, ein Skulpturengarten auf dem Dach, Kunstlager, Restorationswerkstätten sowie Buchladen, Bar, Restaurant, Leseräume und verschiedene künstlerische Institute – das Gebäude hätte ein Herz benötigt, um zusammenzuhalten, so Thomas Heatherwick. Heatherwick Studio, das Büro des Londoner Architekten und für großformatige Interventionen bekannten Künstlers, das unter anderem die inzwischen verworfenen Pläne der Londoner Garden Bridge zeichnete und gemeinsam mit BIG an Entwürfen für Google’s Headquarter in Silicon Valley und London arbeitet, verantwortet den Umbau des seit den Neunzigerjahren zweckentfremdeten Kornsilos von 1921. Inspiration für dieses Herzstück fand das Team in der Gebäudetypologie selbst: Ein einzelnes Maiskorn wurde ins Gigantische vergrößert und als Negativ aus den 42 einzelnen Betonröhren des Speichers herausgeschnitten. Das Ergebnis ist ein Atrium von überwältigendem Ausmaß, einer Vielfalt an ungewöhnlichen Formen und einer nahezu brutalen Kathedralenhaftigkeit – die auch aus zwei gläsernen Aufzügen in Röhrenform heraus erfahren werden kann.

Den Akt des Aushöhlens beschreiben die Architekten als Bildhauerei, bei der die räumlichen Anforderungen des MOCAA in die Baumasse eingebracht wurden. Ob in den oberen Geschossen, in denen sich hinter gewölbten, großformatigen Fenstern ein Luxushotel befindet, die industrielle Oberflächenästhetik erhalten blieb, wird aus den Bildern von Iwan Baan nicht ersichtlich. In Gängen und Foyer des Museums jedenfalls ist die Vergangenheit Kapstadts als wichtiger Industriestandort deutlich spürbar. Dies schlägt eine Brücke zur neuen Bestimmung des Gebäudes. Im umgebauten Silo wird die junge Avantgarde aus Afrika und aus der afrikanischen Diaspora ausgestellt. Das ist die eigentliche Neuerung: Die Werke finden sich nicht in europäischen Nischengalerien, sondern im ersten Museum dieser Größenordnung in Afrika. Sie sind atemberaubend inszeniert und – durch Maßnahmen wie erhöhte Eintrittspreise für Touristen – für alle zugänglich.

Das MOCAA soll also nicht weniger als mit dem westlich-kolonial konstruierten Begriff des Zeitgenössischen aufräumen. Denn „zeitgenössisch“ meint im Kontext einer globalisierten Kunstwelt bislang vorwiegend westliche Kunst – und die wird diesem Label entsprechend weltweit ausgestellt. Kunst aus Afrika steht ihr gegenüber im „Entwicklungsverzug“: Sie wird vornehmlich als der Tradition verpflichtet erachtet. Erst wenn sie sich dem Kunstverständnis des Marktes angleicht, wird sie als für Jetztzeit und Zukunft prägend, also als „zeitgenössisch“ anerkannt. Doch ebensowenig, wie es das eine Afrika und die afrikanische Tradition gibt, existiert auch dieser vermeintliche Rückstand nicht. Jeder Künstler entwickelt aus seinem eigenen Hintergrund und Horizont heraus eine Position, die für sich selber steht. In Afrika und überall. Die Kraft, die aus dieser Diversität entspringt, soll nun gesehen werden. Weltweit.

Der Standort des MOCAA an der touristisch erschlossenen V&A Waterfront trägt einiges zu dieser Sichtbarkeit bei. Der zur Shopping- und Flaniermeile ausgebaute südafrikanische Hafen lockt 100.000 Besucher täglich an und hat einen Großteil zur Finanzierung des 32 Millionen teuren Museums beigesteuert. Ein Wermutstropfen also, dass der Auftrag, das Silo umzuwidmen von Jochen Zeitz, einem deutschen Ex-Manager, erteilt wurde, der sowohl Namensgeber ist als auch den Löwenanteil der Exponate aus seiner Sammlung stellen wird? Dass der Umbau nach den Entwürfen eines britischen Architekten erfolgte und das Amt des Chefkurators von einem Weißafrikaner übernommen wurde? In Anbetracht des so deutlich artikulierten Anspruchs an das Projekt fällt es schwer, dieses Ungleichgewicht nicht wahrzunehmen. Im besten Fall lässt sich das MOCAA als Zwischenstufe lesen, als einen Schritt hin zu einem global gleichberechtigten, postkolonialen gelebten Verständnis von Zeitgenossenschaft. (kms)

Fotos: Iwan Baan


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