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10.10.2018

Buchtipp: Drei Bücher über Georgien

Hybrid Tbilisi, Mosaiken der Sowjetmoderne 1960 bis 1990, Architekturführer Tiflis


Georgien ist dieses Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse, die heute eröffnet. Kein Wunder also, dass momentan eine ganze Reihe Druckerzeugnisse zur georgischen Architektur publiziert werden. Allein der Berliner Verlag DOM publishers hat drei Neuerscheinungen im Angebot. Unsere georgische Redakteurin Mariam Gegidze hat sie sich genauer angesehen.

Zwischen Europa und Asien, der Türkei und Russland liegt die ehemalige Sowjetische Republik Georgien mit ihren nicht mal vier Millionen Einwohnern. Seit einiger Zeit genießt das Land ein bis dato ungekanntes Ausmaß an Tourismus. Allein in diesem Jahr haben bisher rund 25 Prozent mehr Besucher als 2017 das Land bereist. Die Hauptstadt Tiflis – auf Georgisch Tbilisi – ist für die meisten das primäre Reiseziel, vor allem seitdem Forbes Tiflis als die spannendste Stadt des Jahres bezeichnet hat. Zum touristischen Reiz der Region trägt die ausgeprägte Weinbaukultur, die Berglandschaft, die alte Kulturgeschichte und nicht zuletzt die sehr eigenartige Stadtlandschaft der kaukasischen Metropole bei. Das waren für DOM publishers wohl Gründe genug, gleich drei Bücher über Georgien mit Fokus auf Tbilisi herauszubringen.

Im Vorfeld der Buchmesse hat das Deutsche Architekturmuseum DAM in Frankfurt am Main bereits die Ausstellung „Hybrid Tbilisi – Betrachtungen zur Architektur in Georgien“ eröffnet, die noch bis zum 13. Januar 2019 läuft. Die zweisprachige, gleichnamige Publikation, herausgegeben von Irina Kurtishvili und Peter Cachola Schmal, unternimmt den Versuch, die Transformationsprozesse einer extrem „chaotischen, verwirrenden und faszinierenden Stadt auf der Suche nach sich selbst in ihren Traditionen“ darzustellen. Die historischen Essays erzählen von der fünfzehnhundertjährigen Geschichte der Stadt, die mehr als zwanzig mal vollkommen zerstört und niedergebrannt wurde. Aber auch die Identitätsfindung und das Erstarken des nationalistischen Populismus in der Architektur oder eine Analyse der gesellschaftlichen Selbstorganisation und der parasitären Architektur in Tiflis werden diskutiert und helfen, die widersprüchliche Hauptstadt Georgiens besser zu verstehen. Interviews mit Jürgen Mayer H. und Graft geben Erfahrungen deutscher Architekten, die im Land gebaut haben, wieder. Der letzte Abschnitt des Buches ist schließlich den jungen lokalen Architekten und Designern gewidmet. Der Band wird begleitet von einer eindrucksvollen Fotostrecke, die die besondere Stimmung einfängt, „die Tiflis mit seinen stadträumlichen Überwucherungen und seinem wilden Nachtleben ausstrahlt.“

Der Reiseführer „Georgien. Baubezogene Kunst – Mosaiken der Sowjetmoderne 1960 bis 1990“ von Nini Palavandishvili und Lena Prents widmet sich einer hochinteressanten Nische der georgischen Baukunst: den monumentalen und dekorativen Mosaiken, die überall im Land zu finden und die heute teils akut gefährdet sind. Die Autorinnen rufen mit ihrem gut informierten Buch zum Schutz und Erhalt dieser einzigartige Relikte aus der Zeit der Sowjetunion auf, die meist als dekorative Wandverzierungen, aber auch als eigenständige Architekturen entstanden. Die Mosaiken fanden sowohl in zentralen urbanen Gegenden als auch in Dörfern und randstädtischen Wohnsiedlungen eine breite Verwendung. Thematisch waren die Bilder der damaligen Propaganda verpflichtet – etwa der „Völkerfreundschaft“, dem „Sieg des Proletariats im Kampf für den Sozialismus“ oder der „Industrialisierung und Urbanisierung“. Sie sollten aber auch die Nutzung der Gebäude, an denen sie angebracht waren, wiedergeben. Viele Mosaiken zeigen, wie kreativ mit den vorgegebenen sowjetischen Standards lokal umgegangen wurde. Beispielsweise setzten die Künstler auf religiöse und nationale Symbole, aber auch auf Kosmonautinnen, mythologische Helden und fantastische Tiere – alles Themen und Figuren, die in der sowjetischen Kunst untypisch sind. Sogar verbotene, abstrakte Kunst findet sich hier. Der Reiseführer ist sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache verfügbar.

Der Architekturführer „Tiflis/Tbilissi. Mit einem Ausflug nach Batumi“ von Heike Maria Johenning und Peter Knoch stellt in fünf Phasen die bauliche Entwicklung der 1,2-Millionen-Metropole dar, die von den Autorinnen als „eine Ansammlung von quadratischen Farbpixeln inmitten der kaukasischen Landenge“ interpretiert wird. Die fünf Entwicklungsetappen der Stadt werden anhand unterschiedlicher architektonischer Beispiele veranschaulicht. Mittelalterliche Sakralbauten, Stadtmauern und Holzhäuser dokumentieren die Anfänge der Stadt. In der „russischen Periode“ von Tiflis zwischen 1801 und 1917 sind es hauptsächlich ausländische Architekten und Bauherren, die sich mit eklektizistischen Gebäuden im Stadtbild verewigten. Typisch für die frühe Phase der Sowjetzeit sind Parkanlagen und Bauten des stalinistischen Empire. Das ausführliche vierte Kapitel zur Sowjetmoderne dokumentiert viele beispielhafte Architekturen, die zwischen 1960 und 1991 entstanden. Das letzte Kapitel widmet sich dem Bild des neuen Tbilisi, das sich in extrem ambitionierten Bauvorhaben manifestiert, die teilweise noch realisiert werden. Ein Kapitel zur zweitgrößten Stadt des Landes, Batumi, schließt das Buch ab. (mg)

Hybrid Tbilisi – Betrachtungen zur Architektur in Georgien
Irina Kurtishvili / Peter Cachola Schmal (Hg.)
DOM publishers, Berlin 2018
264 Seiten
Deutsch / Englisch
ISBN 978-3-86922-288-2
38 Euro
 
Georgien. Baubezogene Kunst – Mosaiken der Sowjetmoderne 1960 bis 1990
Nini Palavandishvili / Lena Prents
DOM publishers, Berlin 2019
280 Seiten
Deutsch: ISBN 978-3-86922-692-7,
Englisch: ISBN 978-3-86922-691-0
38 Euro
 
Architekturführer Tiflis/Tbilissi. Mit einem Ausflug nach Batumi
Heike Maria Johenning / Peter Knoch
DOM publishers, Berlin 2019
264 Seiten
Deutsch
ISBN 978-3-86922-325-4
38 Euro


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