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03.04.2017

Dritte Kopie von Lascaux

Höhlenmuseum von Snøhetta


Schon wieder eine Kulturinstitution, die sich landschaftlich in den Boden einschreibt? Mit ihrem kürzlich eröffneten Centre International d’Art Parietal im Dorf Montignac schreiben Snøhetta (Oslo, New York) einen Trend fort, an dem sie maßgeblich mitgewirkt haben. Im vorliegenden Fall ist die Entscheidung jedoch mehr als berechtigt. Denn der Neubau – der fast an den rigiden Sparmaßnahmen der Regierung in Paris gescheitert wäre – ist den berühmten Malereien und Ritzzeichnungen der Höhle von Lascaux gewidmet, die auf dem Gebiet des kleinen Orts im Département Dordogne liegen. Was läge also näher, als das Haus weitgehend in den Boden einzufügen?

Die genaue Datierung der Malereien und Ritzzeichnungen in der weitläufigen Höhle von Lascaux ist umstritten, doch vermutlich sind sie knapp 20.000 Jahre alt. Unbestritten ist jedoch ihre weltweite Popularität, seit sie im Jahr 1940 entdeckt wurden. Öffentlich zugänglich waren die Originale nur kurz, nämlich von 1948 bis 1963. Bereits damals – Jahrzehnte vor einer hochprofessionalisierten globalen Tourismusindustrie – litten die Malereien unter den Besuchern und deren Atemluft, die zu Kondenswasser und Schimmel führten. 1983 wurde deshalb Lascaux II eröffnet, eine exakte Nachbildung der berühmtesten Teile des Höhlensystems. Vor einigen Jahren wurde dann Lascaux III realisiert – eine Wanderausstellung, die das räumliche Erlebnis der Höhlenmalerei weltweit verfügbar macht und dieses Jahr in Japan zu sehen ist.

Snøhetta haben nun Lascaux IV verantwortet. Ihre architektonische und szenographische Inszenierung der Höhle markiert also einerseits die Spitze des heutzutage Möglichen, steht anderseits aber in einer langen Tradition des Nachbauens und Vermittelns abseits vom Original. Unterstützt wurden die norwegischen Architekten durch das französische Kontaktbüro SRA-Architects (Paris) und das Büro Casson Mann (London), die sich als Museumsgestalter und Interior Designer einen Namen gemacht haben.

Die architektonische Konzeption des Gebäudes orientiert sich an der Idee der Höhle. Das längliche, flach gehaltene Haus liegt an einem sanft ansteigenden Hang am Rande des Dorfes und ist halb in den Boden hineingebaut. Mit einer durchgehenden Fensterfront und einer expressiv gezackten Fassade aus Sichtbeton orientiert es sich nach Nordwesten. Die landschaftsarchitektonische Gestaltung, die ebenfalls von Snøhetta stammt, folgt dieser kantigen Formensprache. Die gezackte Form zieht sich aber auch durch das Innere des Hauses. Rückgrat der Erschließung ist eine von oben belichtete Spalte mit gekippten Wänden, die als unterirdisches Felsenmassiv verstanden werden will. Interessant ist die Oberfläche des Sichtbetons, der hier zum Einsatz kam und der die Ästhetik von Gesteinsschichtungen nachzeichnet.

Die Besucher folgen einer genau durchdachten Route durch das Haus, in deren Verlauf man die Entdeckung der Höhle im Jahr 1940 atmosphärisch nacherleben soll. Vom Foyer fährt ein Lift auf das Dach, von wo aus man über einen sanft abfallenden Weg wieder in das Haus hinabsteigt. Hier betreten die Besucher eine exakte Reproduktion der originalen Höhle, die unter Einsatz aufwändiger Technologien und mit viel Arbeitsmühen gebaut wurde. Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Lichtführung tragen dazu bei, dass die Besucher sich wie die Entdecker der Höhle fühlen sollen. Am Ende des nachgebildeten Ganges gelangt man in einen offenen, tiefen Patio. Von dort aus werden wiederum die Ausstellungsbereiche erreicht, in denen man sich individuell über die eben erlebte Höhlenkunst informieren kann. Einzelne Teile der Höhlenmalereien werden hier für sich präsentiert und laden zur konzentrierten Auseinandersetzung ein.

Die Zauberworte des Projekts heißen Immersion, Faksimile, Szenographie und Inszenierung. Während sich der erste Teil des Parcours ganz auf das intensive Erleben konzentriert, arbeiten die daran anschließenden Teile das gerade Gesehene nochmals wissenschaftlich auf. Man nähert sich der Höhle also zweimal an. Emotionales und rationales Erfahren folgen aufeinander. Und so wie die Besucher in die Welt der Höhle von Lascaux eintauchen, verschmilzt auf gewisse Weise das Haus auch ein Stück weit mit dem ausgestellten Gegenstand. (gh)

Fotos: Boegly + Grazia, Eric Solé, Dan Courtice


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