Rittergut mit Charme
Hochschultheater in Pennsylvania von Robert A.M. Stern und Voith & Mactavish
Insgeheim streben wir immer zum Neuen. Das Alte ist ja alt, wie sollte es uns also den Weg zu einer besseren Zukunft weisen? Dieser Gedanke zirkuliert seit Hegel und nennt sich Fortschritt. Viele zucken daher unwillkürlich zusammen, wenn sich ein Neubau wie das Joan and John Mullen Center for the Performing Arts mit seiner rustikalen Natursteinfassade ganz ernsthaft irgendwo zwischen Neo-Romanik und Postmoderne positioniert.
Etwas verständlicher wird diese formale Setzung, wenn man den baulichen Kontext betrachtet. Die katholische Villanova University in der gleichnamigen Ortschaft in der Suburbia von Philadelphia blickt als höhere Bildungseinrichtung der Ostküste mit Stolz auf eine gewisse Tradition zurück. Und dies wollte sie mit ihrem Neubau auch zeigen. Das Projekt im Bundesstaat Pennsylvania ist ein Beispiel für das spezifische Genre retrospektiv-konservativer Universitätsbauten in den USA, das – von der Architekturweltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet – bis heute floriert. Die Fassade und die Lobby gehen auf das Konto von Robert A.M. Stern Architects (New York), die Theaterräume gestalteten Voith & Mactavish Architects (Philadelphia).
Die Formfindung will man als zeitgenössische Interpretation des „Villanova Gothic“ verstanden wissen, der die umgebende Bebauung einschließlich der nahe gelegenen Studierendenwohnheime prägt. Die Fassaden werden im Bereich von Sockelzone, Erkern, Fensterstürzen oder Attikazone durch Kunststeinakzente geschmückt. Turmartige Aufbauten und traditionelle Giebeldächer versprühen für das europäische Auge den Charme eines Ritterguts. In der zinnenartigen Ecklösung der Attikazone findet man – es handelt sich schließlich um eine katholische Einrichtung – dezent, aber doch gut sichtbar ein christliches Kreuz. Im Gegensatz dazu steht der Haupteingang im Norden des Komplexes. In der geschwungenen Kolonnade kann man Gerüchten zufolge bei nebligen Neumondnächten den Geist Robert Venturis wandeln sehen...
Spannend ist auch das Innere, das – ganz im Sinne Hegels – als eine sozio-architektonische Entwicklungsreise durch die Jahrhunderte gelesen werden kann. Es setzt im repräsentativen Foyer auf eine Mischung aus Biederkeit – Teppichbödenen in Kombination mit etwas unbeholfen dimensionierten, braunen Sitzobjekten – und Pomp wie Marmor und funkelnden Lüstern. Der große Aufführungssaal (400 Sitzplätze) scheint mit seinen geschwungenen Holzgalerien zwischen Rokoko und Klassizismus gefangen, während sich die beiden kleineren Säle (200 beziehungsweise 75 Plätze) und die Proberäume freimachen und in der kaum mehr verkleideten Formensprache der Gegenwart kulminieren.
Das Haus umfasst außerdem Werkstätten für Bühnenbilder und Kostüme, Umkleideräume, einen Chorraum und ein Tanzstudio, flexible Unterrichtsräume sowie Büros. Die Gesamtkosten lagen bei 37 Millionen Dollar. (stu)
Fotos: Voith & Mactavish Architects
Wo sind die Projekte in Deutschland, die alles besser machen, was hier kritisiert wird ?
ich verspreche daran zu arbeiten, mehr positives an der us-amerikanischen architektur und insbesondere dem dortigen städtebau zu suchen, den man auch am hier gezeigten projekt wieder gut studieren kann. autogerechter straßenraum, keine zäune (außer um gated communities), breite hofzufahrten. dazwischen ausladende, kurzgeschorene rasenflächen ohne erkennbares nutzungskonzept, betreten vermutlich nicht erwünscht. objekthafte bauten auf einem präsentierteller aus rasen, meist eingebettet in eine künstliche, park- bzw. golfplatzartige umgebung. wenig bäume, kaum rückzugsorte, kaum privatheit in den freianlagen.
eine horrorvision in sachen nachhaltigkeit und energieeffizienz, die aber seit dem 2. wk auch hierzulande als vorbild dient, die nur mit einer massenhaften nutzung des privat-pkw funktioniert und als gegenmodell zur europäischen stadt letztere (auch in den usa) demontiert.
vor diesem hintergrund treten billige detaillierung, pseudoaristokratisches fassadendekor und wilde baukörperkompositionen zugegebenermaßen völlig in den hintergrund. das eigentliche problem am vorbild amerika ist die abschaffung von stadt und land zugunsten der zwischenstadt.
Die Sichtweise verrät immer mehr über einen selber.
wenn wir solche unterirdische architektur hier im baunetz noch öfter zeigen, haben wir gute chancen, architektonisch in zukunft genauso zu verblöden wie die menschen hinter dem großen teich.