Wohnen hoch 15
Hochhaus-Umbau in Konstanz von sauerbruch hutton
Das ehemalige Fernmeldegebäude nordöstlich der Konstanzer Altstadt stach schon immer hervor. Bis vor kurzem betrachteten viele das um 1970 von Hans Merkenthaler erbaute Hochhaus mit seiner rigiden Fassade allerdings eher als unbequemen Blickfang. Das wollten sauerbruch hutton (Berlin) mit dem kürzlich fertiggestellten Umbau ändern. Der eigentliche Clou des Projekts ist aber, dass die Architekt*innen ein Büro- in ein Wohngebäude transformierten.
Denn obschon das Thema, leerstehende Büroflächen fürs Wohnen umzunutzen, in aller Munde ist, bleiben die Beispiele hierzulande rar gesät. Noch dazu handelt es sich um ein 62 Meter hohes Haus. Auch wenn hier auf 15 Wohngeschossen keine preisgünstigen, sondern 98 Eigentumswohnungen eingezogen sind, ist das bemerkenswert. Bauherrin ist die BPD Bouwfonds Immobilienentwicklung, die das ehemalige Telekom-Areal 2017 erwarb und 2019 einen Wettbewerb auslobte.
93 Prozent der Stahlbetonstruktur konnte man erhalten, schreiben sauerbruch hutton, und dadurch nach eigenen Angaben knapp 2.300 Tonnen CO2 einsparen. Die Ein-bis-Fünf-Zimmer-Wohnungen – im ersten und zweiten sowie im 14. und 15. Geschoss als Maisonetten – orientieren sich am bestehenden Stützraster. Zusätzliche Sanitärstränge einzuplanen, habe die Rippendecke gut vertragen, erklärt Projektleiterin Vera Hartmann. Kniffliger sei der Bodenaufbau gewesen. Man musste den Sweetspot zwischen den statischen Möglichkeiten des Nachkriegsbaus und der nötigen Masse aufgrund des Schallschutzes finden. Dennoch blieben die Decken unverpackt – weder kaschiert noch abgehängt. An den Unterseiten wurde Zementputz aufgetragen, oben drei Zentimeter Aufbeton, darüber folgt gewöhnlicher Fußbodenaufbau.
„Wir wollten, dass es als altes Haus erkennbar bleibt“, sagt Hartmann. Aus diesem Grund haben sie etwa in der Lobby die alten Schieferplatten wieder als Bodenbelag verwendet. Auf einer ist noch das Datum der Grundsteinlegung 1967 zu lesen. Auch am Aufzugschacht sieht man alten Beton. Da in Hochhäusern heute aber ein Feuerwehraufzug nötig ist, wurden aus vorher drei nunmehr zwei Aufzüge, die Türöffnungen versetzt und die entsprechenden Stellen mit neuem Beton ergänzt.
Die Fassade des Hochhauses hingegen hat sich verändert. Sie soll die Dominanz des Bauwerks mildern und ein kleinteiligeres, lebendiges Bild erzeugen. So zeichnen die Stirnseiten nun gefaltete Aluminiumflächen, während die Längsseiten haushohe Loggienschichten mit verschiebbaren Glaselementen prägen. Deren geknickte Brüstungen bestehen aus vergossenen Fliesenelementen in flirrenden Grüntönen. Keramik sei zwar ein äußerst langlebiges Material, dennoch würden sie derart schlecht voneinander trennbare Bauteilschichten sonst vermeiden, so Hartmann. Zumindest im Hochhaus- und Umbau sei die Bauindustrie in Sachen Zirkularität aber noch nicht so weit, wie die Architektin gegenüber BauNetz schon während des Umbaus sagte.
Umso mehr freut sie sich, dass sie die Außenwandverkleidungen (also die Rückwände der Loggien) in Holz realisieren konnten. Möglich war das, weil der eigentliche Gebäudeabschluss nicht brennbar in Beton ausgeführt ist. Denn die gesamte Loggienschicht ist als neue massive Außenwand vor dem bestehenden Tragwerk errichtet.
Vor dem Hochhaus schaffen zwei eingeschossige neue Pavillons einen Übergang zum Park. Die Räume sollen an öffentlich wirksame Funktionen wie etwa eine Gastronomie verkauft, die Flächen im Erdgeschoss an Büronutzer vergeben werden. Die Telekom nutzt das Gebäude übrigens ebenfalls, braucht nur eben viel weniger Platz als früher. Die Antenne ist nach wie vor in Betrieb, im Staffelgeschoss sind Technikflächen untergebracht. Gleiches gilt für das rückwärtige Technikgebäude, auf dem die Landschaftsarchitekt*innen von SINAI (Berlin) einen Dachgarten anlegen werden. Daneben planen sauerbruch hutton zwei neue Wohnriegel. (mh)
- Fertigstellung:
- 2026
- Architektur:
- sauerbruch hutton
- Team Architektur:
- Louisa Hutton, Matthias Sauerbruch, Vera Hartmann; Jürgen Bartenschlag, Tom Geister, Falco Hermann, Juan Lucas Young; Julia Blasius, Katja Correll, Maria Fernandez, Stefan Fuhlrott, Nan Liu, Lucia Martinez Estefania, Emanuela Mendes, Katarina Petrovic, Marco Rabaglino, Saskia Vendel
- Statik:
- Werner Sobek
- TGA:
- ATM Herbert Marks, GET Solutions
- Bauphysik/Akustik:
- GN Bauphysik Finkenberger + Kollegen
- Brandschutz:
- hhp
- Landschaftsarchitektur:
- SINAI
- Bauherrschaft:
- BPD Immobilienentwicklung
- Fläche:
- 20.260 m² Bruttogrundfläche